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Die Aktion "Erinnerungsbilder 2002"

Kongresshalle Leuchtturm

"Erinnerungsbilder" 1

Kommentar der Einsenderin (* 1970) der Bilder:

Fotografien aus der Zeit des "Dritten Reichs" gibt es wenige in meiner Familie. Die Mutter stammt aus Dresden, nach 1945 als Stadt und Haus in Trümmern lagen, wandte sich die Familie nach Westdeutschland. Ähnliches gilt für die Familie des Vaters, die aus Ostpreußen kommt.
Ich greife also auf andere Bilder zurück, um Erinnerung zu beschwören. Keine gelebte Erinnerung - mein persönlicher Erinnerungszeitraum begann 1970 - aber dennoch mit mir verbunden. Das erste Bild entstand in den 1920er Jahren, das zweite ist wenige Wochen alt. Beide zeigen das Westufer des Dutzendteichs.
Idylle unter Bäumen. Still liegt der See dunstig ins Licht eines herbstlichen Tages getaucht. Doch ich kann die Bilder, so friedlich sie auch sind, nicht genießen. Das erste macht traurig, es erinnert mich daran, was der Nationalsozialismus zerstört hat: Einen Garten in menschlichen Dimensionen, in den man als witziges Aperçu einen weißen Leuchtturm gepflanzt hatte. Das zweite Bild erinnert, was an dessen Stelle trat: Die gigantomanische Kongresshalle, die als Faust aus Stein in die Parklandschaft schlägt.
Beide Bilder sind für mich starke Zeichen. Ihr Gehalt erschließt sich aus der Geschichte.

Der Leuchtturm versinnbildlicht Freiheit und Menschlichkeit. Er markiert eine Klippe, zu der man Stellung beziehen muss. "Habt acht, und zieht dann eure Bahnen!" sagt der Turm. Die Entscheidung des Weges bleibt dem Schiffer freigestellt. Er kann wählen, ob das Glück im sicheren Hafen liegt oder auf dem offenen Meer. Entsprechend eröffnet das rundum fackelnde Licht des Turmes einen unendlichen Raum.
Die Nationalsozialisten zerstörten den Turm und setzten an seine Stelle die Kongresshalle. In ihr sollte Hitler als politischer Messias inszeniert werden. So wird der Turm zum Symbol für die brutale Zerstörung von Humanität, Freiheit und Gerechtigkeit zugunsten von Totalitarismus und Unterdrückung. Er wird es um so mehr, da Albert Speer mit dem "Lichtdom" am gegenüberliegenden Seeufer eine Symbolik schuf, die der des Leuchtturms diametral entgegengesetzt ist: Die Lichter, die das "Dritte Reich" aufrichtete, scheinen wie Gitter eines Käfigs. "Ihr dürft hinein, ihr müsst hinein, ihr nicht!" - befiehlt das Licht der Flakscheinwerfer den unten stehenden Menschen, die geblendet hinein schauen. Und jenen am Himmel, auf die sich die hellen Kegel einige Jahre richteten, drohte Vernichtung.
Der Lichtdom ist erloschen, der Leuchtturm steht nur noch im Foto, aus dieser Zeit geblieben sind düstere Schatten. Für mich sind diese Schatten mit Händen zu greifen. Denn im Stein der Kongresshalle haben sie die Jahrzehnte überdauert. Davor gestellt muss die neue Idylle am See ein kläglicher Versuch bleiben.

Susanne Kiewitz

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