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Grußwort zur Eröffnung des Erinnerungsparlaments am Freitag, den 25. Oktober 2002

Prof. Dr. Julia Lehner, Kulturreferentin der Stadt Nürnberg

Sehr geehrte Damen und Herren,

beinahe ein Jahr ist seit der Eröffnung des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände am 4. November 2001 vergangen. In diesen zwölf Monaten ist bereits abzusehen, dass die Stadt Nürnberg mit der Einrichtung der Dauerausstellung "Faszination und Gewalt" den richtigen Weg eingeschlagen hat: Das umfassende und zeitgemäße Informationsangebot zur Geschichte der Reichsparteitage in Nürnberg wurde inzwischen von 230.000 Besuchern aus dem In- und Ausland angenommen. Äußerungen aus dem Besucherbuch wie "Ein großes Kompliment für diese sachlich-fundierte und kompetente Ausstellung. Gelungenes Konzept und sehr informativ, aber nicht überbrachtet" zeigen, dass Idee, Konzeption und Gestaltung aufgegangen sind.

Seit Beginn der Planungen für das Dokumentationszentrum wurde von den Verantwortlichen jedoch auch stets die Notwendigkeit eines pädagogischen Begleitprogramms betont. Das Studienforum ist seit Eröffnung ein wichtiger Bestandteil des Dokumentationszentrums. Das Studienforum des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände ist eine beispielhafte Kooperationsunternehmung der museen der stadt nürnberg mit:

Diese Form der Kooperation ist ein Novum in der Bildungsarbeit der bundesdeutschen Erinnerungs- und Gedenkstättenlandschaft.

Vor diesem Hintergrund war es für uns alle eine große Freude, dass die Region Nürnberg ihren Innovationspreis 2001 an diese neue Einrichtung - das Studienforum des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände - vergeben hat und dadurch das Engagement und den Mut der Kooperationspartner, neue innovative Wege in der historisch- politischen Bildungsarbeit zu gehen, belohnte.

Es ist in hohem Maße bemerkenswert, dass sich die Jury des Innovationspreises für eine Preisvergabe an eine Einrichtung entschieden hat, die nicht kommerziell vermarktbare Hard- oder Software anbietet, sondern ein Gut, das meist nur schwer unters Volk zu bringen ist - Bildung! Bildung noch dazu in einem besonders sensiblen Bereich, der Geschichte des Nationalsozialismus.

Ich glaube, sehr geehrte Damen und Herren, dass wir uns alle sehr bewusst sind, wie notwendig Aufklärungsarbeit gerade auf diesem Gebiet ist. Denn ohne historisches Bewusstsein kann es auch keine humanen Werte und Normen geben, und wo diese fehlen, zeigt sich nur allzu bald die hässliche Fratze der Modernität. Die Geschichte des Nationalsozialismus bietet schreckliches Anschauungsmaterial hierfür. In diesem Sinn ist es eine zentrale Aufgabenstellung des Studienforums, nicht nur Vergangenes darzustellen, sondern daraus mögliche Lehren für die Zukunft zu diskutieren.

Die gemeinsame Arbeit hat bereits Früchte getragen: Bis heute haben ca. 800 Gruppen das pädagogische Begleitangebot des Dokumentationszentrums gebucht. Darunter viele Schüler und Jugendliche, jedoch auch Gruppen aus der Erwachsenenbildung sowie von Polizei und Bundeswehr im Rahmen der politischen Bildung. Ebenso konnten bereits Gruppen aus dem Ausland durch die fremdsprachigen Angebote betreut werden.

Wer einen Innovationspreis erhält, sollte auch etwas Innovatives damit anfangen. Daher ist es sehr zu begrüßen, das Preisgeld nicht in die Alltagsarbeit fließen zu lassen, so wichtig diese ist, oder eine "konventionelle" Tagung zu veranstalten, so ertragreich diese auch manchmal sein können, sondern eine neue Veranstaltungsform zu wagen und mit dem Preisgeld zu finanzieren.

Die Idee des Erinnerungsparlaments folgt den Intentionen der pädagogischen Arbeit im Studienforum, nicht von oben herab belehren zu wollen, sondern moderierend zur selbstständigen intensiven Auseinandersetzung mit der NS-Zeit anzuregen. Besser als jede noch so gut gemeinte Belehrung vermag die Einsicht in die Mechanismen von Faszination und Gewalt einen Beitrag zur Immunisierung gegen totalitäres Gedankengut zu leisten.

Das ist auch ein Beitrag, Demokratie lebendig zu erhalten, nicht nur im Großen, in der Politik, sondern gerade auch in alltäglichen Prozessen.

Der Titel der Veranstaltung "Nürnberger Erinnerungsparlament" ist programmatisch, ist doch der lebendige, manchmal auch kontroverse Meinungsaustausch zentrales Anliegen der Veranstalter. In den verschiedenen Sektionen werden vor allem Jugendliche Gelegenheit haben, mit Zeitzeugen und Vertretern der nachfolgenden Generationen ins Gespräch zu kommen.

Ein umfassend verstandener Meinungsaustausch zwischen mittlerweile vier Generationen soll helfen, die unterschiedlichen Perspektiven und Fragestellungen im Umgang mit der NS-Zeit zu verstehen und so Verkrustungen aufbrechen, die dem öffentlichen Diskurs über die NS-Zeit nach wie vor anhaften.

Als Kulturreferentin der Stadt Nürnberg möchte ich betonen, dass ich stolz darauf bin, dass gerade von Nürnberg die Bestrebung ausgeht, neue Wege in der Vermittlung von NS-Geschichte zu beschreiten. Ich bin sicher, dass diese Veranstaltung ebenso wie die täglichen Diskussionsrunden im Studienforum ihren Beitrag dazu leisten.

Dafür dass sie diesen Versuch gewagt haben, danke ich den Partnern im Studienforum, Geschichte für Alle, der CPH-Jugendakademie, dem Kreisjugendring Nürnberg-Stadt, dem Kunst- und Kulturpädagogischen Zentrum der Museen in Nürnberg, dem Menschenrechtsbüro, dem Jugendzentrum für kulturelle und politische Bildung, dem Nürnberger Menschenrechtsverein, und den museen der stadt nürnberg. Ich danke den Trägern des Innovationspreises, insbesondere den Nürnberger Nachrichten, dass sie mit ihrem Preis diese Veranstaltung ermöglicht haben.

Ganz besonders danke ich allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die mit ihrem Engagement diese Veranstaltung prägen.

Ich wünsche dieser Veranstaltung Erfolg und bin sicher, dass von ihr Impulse ausgehen werden, die über den Tag und den Kreis der Beteiligten hinauswirken, nicht zuletzt auch auf die tägliche Arbeit im Studienforum. Daher wünsche ich auch dem Studienforum, dass die beispielhafte Zusammenarbeit verschiedenster Partner unter dem Dach des Dokumentationszentrums sich auch weiterhin im Geiste echter Partnerschaft und zum Nutzen der Besucher entwickeln möge.