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Berichte · Sektion C

Workshop C 2

"Kunst erinnert"
- Nürnberger SchülerInnen stellen ein Kunstprojekt zum Thema Reichsparteitagsgelände vor

(Bericht von Katrin Bielefeldt)

Auf dem Podium waren:

"Kunst erinnert" - unter diesem Titel lädt bereits während der Eröffnungsveranstaltung des Nürnberger Erinnerungsparlamentes 2002 eine kleine Kunstausstellung mit insgesamt sieben Werken zum Vertiefen, Grübeln und Nachfragen ein. In vielfältiger Bildsprache und in eindrücklicher Materialität werden hier Themen wie die Wirkung der NS-Architektur, die sich stetig verändernde Erinnerungskultur oder gar die Geschichte des Rhönrads bearbeitet.

Angeregt durch die Idee des Erinnerungsparlaments setzten sich 15 Schülerinnen und Schüler des Leistungskurses Kunst am Labenwolf-Gymnasium mit dem Reichsparteitagsgelände, der Ausstellung im Dokumentationszentrum und dem Thema "Erinnerung" auseinander. Die insgesamt sieben in Einzel- und Gruppenarbeit geschaffenen Werke sind Zeugen einer - meist sehr persönlichen - Auseinandersetzung mit eigenen Erinnerungserfahrungen wie auch mit Fragen, die sich speziell an die verschiedenen Generationen und deren Erinnerungspraxis richten.

Wie und mit welchen Gefühlen wird heute von Jugendlichen erinnert?

Wie unterschiedlich ist Erinnerung? Verändert sich Erinnerung bei den verschiedenen Generationen oder im Laufe der Zeit?

Neben der Ausstellung gibt es die Möglichkeit bei einem Kunstgespräch mit den Jugendlichen über die dargestellten Themen, die Wirkung auf den Betrachter oder die Gestaltungsformen ins Gespräch zu kommen.

Zunächst erfolgte angeregt durch die Moderation von Doris Gerstl, Dozentin an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg, jeweils eine differenzierte Bildbetrachtung des einzelnen Werks, gefolgt von einer persönlichen Stellungnahme der Kunstschaffenden, die immer wieder Anlass zu Fragen und angeregten Diskussionen gaben. Genau so will Dr. Doris Gerstl Kunst verstanden wissen:

"Das ist immer so bei der Kunst - es gibt zwei Ebenen der Betrachtung: die des Künstlers selbst und die des Betrachters. Diese beiden Ebenen müssen sich nicht unbedingt entsprechen - und oft ist es für beide interessant zu hören, was der jeweils andere für Assoziationen dazu hat."

Im Folgenden sollen die einzelnen Werke der KünstlerInnen und der Verlauf der Diskussion darüber der Reihe nach vorgestellt werden.

Erinnerungen im Spiegelbild (Luisa Schmaus)

Luisa SCHMAUS
Collage/Assemblage
>Erinnerungen im Spiegel<

Das erste präsentierte Werk "Erinnerungen im Spiegel" ist eine sehr persönliche, individuelle Auseinandersetzung mit der Frage nach der Entwicklung der eigenen Annäherungsfähigkeit an das Thema Nationalsozialismus.

Das Kunstwerk ist im Gegensatz zu den anderen Kunstwerken plastisch gestaltet und besteht aus einer Dreierreihe. Jedes einzelne Werk stellt zwei Bildelemente gegenüber. Auf der einen Seite steht jeweils ein Porträt, ein "Schattenriss" der Künstlerin als Fotografie, auf der anderen Seite Fotos des Reichsparteitagsgeländes aus familiärem Besitz. Getrennt sind beide Bildelement durch eine Erhöhung, die mit gebrochenen Spiegeln gestaltet ist.

Luisa Schmaus teilt hier die Zeit vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis ins Heute in drei Stufen ein und zeigt durch diese Dreierreihe, wie sich der Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit verändert und wie immer mehr gelernt wird, "besser" - das meint vielleicht offener, konstruktiver und unverkrampfter - mit diesem Thema umzugehen. Das Modell soll nicht in erster Linie die Künstlerin selbst darstellen. Luisa Schmaus verrät uns, dass sie sich zunächst nicht selbst fotografieren lassen wollte. Da sich aber niemand bereit erklärte, diesen Part zu übernehmen, wurde sie selbst Teil des Werkes, was wiederum neue Interpretationsmöglichkeiten öffnet.

Auf der ersten Fotografie wendet sich das Modell von den Bildern des nationalsozialistisch geprägten Nürnberg ab; es scheinen keinerlei Möglichkeiten einer Annäherung zu bestehen. Die zweite Fotografie zeigt eine vorsichtige Neugier der anderen Seite gegenüber. Aber erst auf dem dritten Bild wird eine tatsächliche Öffnung möglich.

Die Bildsprache der eindrücklichen Schwarz-Weiß-Fotografien wie auch die materielle Gestaltung mit Spiegeln weckt beim Publikum vielfältige Assoziationen wie "Reichskristallnacht" oder "Spiegel, die einen selbst einbeziehen in das Werk". Luisa Schmaus intendiert ein sich widerspiegeln verschiedener Personen, die alle einen unterschiedlichen Umgang mit der NS-Vergangenheit praktizieren. Allen gemein ist aber, dass sich dieser Umgang stufenweise entwickelt, eine Annäherung erst im Laufe der Zeit möglich wird.

Plastik (Janina Lutz, Nathalie Schneider, Doro Winkler

Janina LUTZ
Nathalie SCHNEIDER
Doro WINKLER

Computermontage
>Plastik<

Bei der Computermontage "Plastik", die von Doro Winkler und Nathalie Schneider präsentiert wird, fällt zunächst die Präsentationsform ins Auge: große Papierbahnen drapieren sich um eine Stellwand auf der im oberen rechten Bereich auf roten Grund eine vierteilige Computermontage angebracht ist. Davor sticht ein aus Zeitungspapier gedrehtes Hakenkreuz ins Auge. Die vier Bilder zeigen zusammen eine Landschaft mit Himmel, oben eine Wehrmachtsabteilung, unten rechts zwei Kinder, unten links lavaartige Landschaft. Mitten in dieser Landschaft steht eine Person im wehenden Mantel, davor als einziges farbiges Element eine rote Coca-Cola-Flasche.

Diese kleine Flasche löst im Publikum eine interessante Diskussion aus. Die Colaflasche weckt sehr unterschiedliche Assoziationen. Sie steht für eine Diskussionsteilnehmerin als Attribut für die Zeit der amerikanischen Besatzung oder für "das Amerikanische überhaupt", für eine andere als Symbol für die heutige Jugend und die Zeit der im Überfluss vorhandenen Genussmittel, sie erinnert an Sackgassengespräch mit der eigenen Großmutter im Sinne eines "das könnt ihr heute ja überhaupt nicht mehr nachvollziehen". Die jugendlichen Künstlerinnen verwenden dieses Symbol ganz selbstverständlich als Zeichen ihrer Zeit und ihrer Generation. Der Einwurf einer Historikerin, Coca-Cola sei keine Erfindung der heutigen Zeit, sondern existiere bereits in den 30er Jahren, und stünde somit auch für Jugendliche der Nachkriegszeit als Zeichen für ihre Generation zeigt, welch unterschiedliche Bedeutung Bilder und Metaphern für einzelne Personen haben. Die Coca-Cola-Flasche wird heute wie gestern von den Jugendlichen selbst als Attribut für die eigene Jugend gesehen.

Ähnlich kontrovers sind Intention und Reaktion auf die Farbe Rot als Gestaltungsmittel im Kunstwerk, das sich auch bei den anderen Arbeiten als immer wiederkehrendes Gestaltungsmittel erweist. Während der rote Untergrund im Publikum Assoziationen wie "Hakenkreuzfahne", "Blut" oder "Tod" auslöst und eher provokant bis anstößig wirkt, sehen die Künstlerinnen Rot schlicht als kräftige, aussagekräftige und lebendige Farbe. Sie setzen Rot ein, nicht um zu provozieren, sondern um das Bild weniger statisch wirken zu lassen.

Erst gegen Ende der Präsentation weisen die Künstlerinnen auf den Nebel, der sich durch die viergeteilte Darstellung zieht, als ein für sie sehr wichtiges Gestaltungsmittel hin. Er steht für eine Trennung zwischen der nationalsozialistischen Vergangenheit und der heutigen so genannten dritten Generation. Das Bild und die Realitäten versinken im Nebel, im Nebel der Zeit, der zwischen dem Heute und dem Gestern steht. Doch durch diesen Nebel hindurch greift das plastisch gestaltete Hakenkreuz von der Vergangenheit in die heutige Zeit und macht die Geschichte trotz der Distanz zu einem Stück Gegenwart.

röhnrad

Melanie WAGNER
>Röhnrad-Geschichte<

Melanie Wagner wählt eine sehr ungewöhnliche Form, sich selbst in Bezug zu nationalsozialistischer Geschichte zu setzen: Sie zeigt hier ein Dokumentationsprojekt zu einer Sportart und ihrer Geschichte. Die Künstlerin betreibt selbst seit sieben Jahren das Rhönradfahren als Leistungssport, war bereits Bezirksmeisterin und 7. Bayerische Meisterin.

Die Verbindung zwischen dem Rhönrad und dem Nationalsozialismus liegt für Melanie Wagner vor allem in der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Das Rhönrad, das 1925 von Otto Feick erfunden wurde und erst in den 30er Jahren zu einer anerkannten Wettkampfsportart avancierte, wurde mitten in seinem neu beginnenden Aufstieg durch den Weltkrieg gestoppt.

Diese Auseinandersetzung zeigt, dass die Auswirkungen des nationalsozialistischen Regimes in allen Bereichen widergespiegelt werden. Es gibt heute kaum Bereiche, die - betrachtet man sie geschichtlich - nicht von dieser Zeitspanne in der deutschen Geschichte geprägt wurden.

Auch hier wird die Farbe Rot als Untergrund genutzt. Die Erklärungen zur Geschichte des Rhönrades wurden für die Zeitspanne von 1939-45 auf rote Pappe geklebt, da gerade die Zeit des Zweiten Weltkrieges als besonderer Einschnitt empfunden wird.

o.T. (Lisa Friedrich, Andrea Kästner

Lisa FRIEDRICH
Andrea KÄSTNER

Fotoserie/Fotokopien,
o.T.

Diese Fotoserie mit großformatigen Schwarz-Weiß-Fotografien hat das Reichsparteitagsgelände zum Thema. Die Fotografien, zum Teil mit aggressiver Symbolik in Szene gesetzt auf einem uns wohlbekannten Reichsparteitagsgelände mit Freizeitparkambiente, verschlagen dem Publikum zunächst den Atem.

Eine kopflose Person mit Springerstiefeln auf der Zeppelintribüne, Hakenkreuzschmierereien, mal offensichtlich großformatig aufgesprayed, mal unscheinbar auf einem bemoosten Stein zu suchen. Durch einen Gesichtsausschnitt, der mit leuchtenden Augen in den Bann zieht, wird die Ästhetik der Reichsparteitags-"Faszination" in der heutigen Zeit gespiegelt.

Auch hier stand eine der Künstlerinnen selbst Modell für die Fotografien. Sie berichtet aber, dass sie "auf keinen Fall ganz drauf sein" wollte, daher ließ sie sich einmal ohne Kopf, oder ihr Gesicht nur in Ausschnitten fotografieren.

Diese Art der Gestaltung, wie auch die unauffällig platzierten Hakenkreuze sollen, im Gegensatz zu offensichtlicheren Darstellungen auf die Gefahr subtiler rechter Strömungen aufmerksam machen. Denn für die Künstlerinnen ist das Thema Nationalsozialismus gerade durch rechtsextreme Strömungen sehr aktuell: "Es ist noch nicht vorbei, es ist noch nicht gestorben".

Wolkenvögel (Eva ARNOLD, Nina HOLLFELDER, Kerstin WEIDLER)

Eva ARNOLD
Nina HOLLFELDER
Kerstin WEIDLER

Collage
>Wolkenvögel<

Eva Arnold, Nina Hollfelder und Kerstin Weidler präsentieren die "Wolkenvögel": verschiedenes fotografisches Material der Reichsparteitage auf einer quadratischen Fläche angeordnet, unten eine historisch Aufnahme zweier Kinder, dargestellt in einem Nest oder Feuerkranz und von oben eingerahmt von zwei Tauben, deren Körper aus einem Wolkenmuster bestehen.

Das Besondere dieser Arbeit ist, dass hier die Elterngeneration der Jugendlichen thematisiert wird, die ja eher eine Familienerinnerung anstatt einer persönlichen Erinnerung an den Nationalsozialismus mitbringt. Kinder, die in ein System hinein geboren wurden, ohne aktiv beteiligt gewesen zu sein, die keine gelebte Demokratie kennen, sondern zunächst nur die Reste einer zerstörten Diktatur erleben.

Nach Aussage der Künstlerinnen sollten die Kinder zunächst in einem Nest abgebildet werden, in einem Nest als Symbol für etwas Beschützendes, Unschuldiges, Neues. Das Nest wirkt aber in der Gestaltung feuerhaft. Die Kinder sitzen in diesem Feuer, in der Gefahr, die gleichen Fehler wie die Eltern zu machen, nichts aus der Vergangenheit gelernt zu haben.

Die abgebildete Taube ist aus einem Kunstwerk Magrittes entnommen. In der Taube spiegelt sich hier wie im Original der Himmel wider. Die Künstlerinnen haben die Taube nicht direkt als Friedenssymbol ausgewählt, wie vom Publikum vermutet (und erhofft?), sondern daher, weil die Taube frei und leicht wirkt. Diese neue Freiheit der Zeit nach 1945 beschützt die Kinder, indem sie sie von der erdrückenden Vergangenheit abschirmt und somit neue Möglichkeiten der Betrachtung eröffnet. Kunsterzieher Ehrl ergänzt hierzu: "Bei Magritte ist es nur eine einzelne Arbeit, hier aber wird die Taube gespiegelt, wenn man das vergleicht mit der nächsten Arbeit, wo auch ein solches Wappentier vorkommt, bekommt das auch etwas Bedrohliches, etwas von einem Hoheitsadler".

o.T. (Timo AUFOTU, Jannis MARWITZ, Diego SINDBERT)

Timo AUFOTU
Jannis MARWITZ
Diego SINDBERT

Acryl auf Hartfaserplatte,
o.T.

Bei diesem Werk, das von Timo Aufotu und Jannis Marwitz vorgestellt wird, wird die von Uli Ehrl beschriebene Bedrohung sehr deutlich. Eine mehrere Meter hohe Installation, die vor allem durch die interessante Kombination der Materialien Holz, Pappe und Stoff, wie durch die Monumentalität beeindruckt.

Dargestellt wird durch Malerei auf Holz eine Figur, die sehr schwer trägt an einer Säule der Vergangenheit. Hier ist das Thema die so genannte dritte Generation, die sich mit der deutschen Geschichte beschäftigt und dies auch heute noch als Belastung empfindet, so Timo, Jannis und Diego.

Uli Ehrl macht hier auf eine technische Besonderheit aufmerksam. Interessant sei vor allem die Mischung aus verschiedenen Techniken, derer sich die Arbeit bedient: Malerei auf grundierte Pressspanplatte, kombiniert mit verschiedenen Materialien, wie Pappe und Stoff, die das Bild abrunden. Es handelt sich sozusagen um eine "Mixed-media-Gestaltung", welche die Künstler vor die technische Schwierigkeit stellt, die verschiedenen Materialien unter einen Hut zu bekommen, ohne dass zu heterogene Materialien verwendet werden, die das Bild dann in seine Einzelteile zerlegen. Das wurde hier durch die Verwendung der Farbe Schwarz angegangen, die in den verschiedenen Materialien integriert wird.

Diese Arbeit hebt sich von den anderen Arbeiten dadurch ab, dass sie sehr viel direkter auf den Raum bezogen ist. Die Gestaltung nimmt die Vertikalform der Wandverkleidung auf und gewinnt durch diesen gemeinsamen Formataspekt eine ganz massive dramatische Dimension.

Wenn man sich nun vorstellt, dieses Kunstwerk wäre hier immer angebracht, dann bekommt das eine ganz eigenartige Wirkung, die natürlich auch angelegt ist.

Oma, Uhr und Ahnenbuch

Mara DIENER Simona MUTH Luisa SCHMAUS
Fotoserie/Collage
>Oma, Uhr und Ahnenbuch<

Das letzte hier vorgestellte Werk ist wieder eine sehr subjektive und private Auseinandersetzung mit dem Thema. Eine Erinnerung, eine kubistische Collage als Fotografie eines Themas (die Fotos sind zueinander versetzt angebracht) bietet einen sehr persönlichen und menschlichen Zugang zu verschiedenen Motiven: Eine ältere Dame, eine Uhr und ein Ahnenpass.

Diese Arbeit zieht an, lädt ein, sich die Tiefen dieser Darstellung näher zu betrachten.

Auch hier gab den Anstoß zur Themenfindung ein Besuch im Dokumentationszentrum. Die stärkste Assoziation einer Künstlerin dieser Gruppe zum Nationalsozialismus war zunächst die eigene Großmutter, die ihren Enkeln anhand von Feldpostbriefen oder ihrem Ahnenpass Alltagsgeschichte nahe gebracht hat. So wurden hier eigene Erinnerungen, Familienerinnerung für das Erinnerungsparlament aufbereitet.

"Oma, Uhr und Ahnenbuch" zeigt Auseinandersetzung, zeigt das Splitterhafte der Erinnerung, das Zusammengesetzte, das greifbar macht, dass die Geschichte nie endgültig ist, dass sie sich verschiebt und verzieht, je nachdem wie sie von außen interpretiert oder als "Geschichte" erzählt wird. Hier wird die Objektivität der Geschichte zum Thema. Inwieweit kann sie geleistet werden? Wie wird und soll Geschichte interpretiert werden?

Die Geschichte, die hier erzählt wird, handelt von der Großmutter einer der Künstlerinnen, deren Erinnerung an den Nationalsozialismus vor allem davon geprägt ist, dass ihr Bruder nicht mehr aus dem Krieg zurückkehrte.

Der Krieg und auch der Tod werden im Kunstwerk ganz eindrücklich dargestellt, zusätzlich wird eine Stimme zum sprechen gebracht, ein Brief und die Mitteilung über den Tod ihres Bruders sind hier in der Ausstellung aufgelegt. Dazu ist die Großmutter selbst bei der Präsentation anwesend, möchte sich allerdings nicht äußern.

Zum Abschluss der Präsentation kommt der Bruder als Zeitzeuge zum sprechen, er berichtet am 7.Februar 1943 aus dem Feld und richtet folgenden Brief an seine Familie, der von einer der Künstlerinnen vorgelesen wird:

Liebe Eltern!

Es ist gerade Sonntag früh dreiviertel sechs. Der Wachposten ---- und so habe ich noch etwas Zeit, die ich dazu benutzen will, euch einen Brief zu schreiben. Wir müssen jetzt noch die Waffen reinigen und dann können wir uns hinlegen. Um drei Uhr zieht dann der Posten wieder auf und das Lied fängt von vorne an. Von sonntäglicher Stimmung spürt man sehr wenig. Dass es Sonntag ist, erfährt man oft erst aus dem Kalender. Aber man muss dankbar und froh sein, dass es an unserem Abschnitt so ruhig ist. [...] Gestern kam zu meiner großen Freude das zweite Kilo-Paket und 2100-Gramm-Päckchen und dazu noch ein Brief von Mama und von Onkel Gerhard gut an. Für alles besten Dank. Ja, wenn einmal Post kommt, dann ist es immer eine ganze Menge. Dann kommt tagelang wieder überhaupt nichts. Der Kuchen war tadellos und hat mir so geschmeckt, dass ich ihn in der Nacht ganz aufgegessen habe. Nachher habe ich mich dann wieder darüber geärgert. Ja, das ist immer so. Wenn ich so am Essen bin, denke ich, jetzt willst du dich aber nicht daran satt essen, und nachher ist es einem ärgerlich. [...] Auch erhebt sich immer die Streitfrage -und ich bin darüber auch zu keiner Entscheidung gekommen, ob man die guten Sachen essen soll, wenn man schon gegessen, also keinen richtigen Hunger hat. Denn da kann man dann eher wieder aufhören zu essen. Oder ob man essen soll, wenn man richtig Hunger hat. Dafür aber umso größeren Hunger, da kann man meistens nicht mehr aufhören. Ich weiß nicht, ob ihr diese Auseinandersetzung vom Essen da richtig versteht, für mich jedenfalls sind diese Fragen außerordentlich wichtig. Und nun wieder zurück zu dem besagten Päckchen. Die Butter war noch in tadellosem Zustand und ich lasse sie mir auch schmecken. Ich werde mir jetzt einige geschnittene Brote etwas dicker bestreichen können. Kurzum brauche ich vorläufig nicht mehr. Doch Briefpapier könnt ihr mir schicken. Zehn Feldpostbriefe sind nämlich schnell verschrieben. Jetzt muss ich aber schließen und grüße euch alle recht herzlich.

Euer R.

Eines der wichtigsten Anliegen von Erinnerung ist, jedem Menschen seine individuellen Erinnerungen und Erinnerungstechniken zuzugestehen. In diesem Sinne leistet das Projekt "Kunst erinnert" einen wichtigen Beitrag auf dem Nürnberger Erinnerungsparlament 2002. Dr. Doris Gerstl beschließt das Kunstgespräch mit einem Zitat von Walter Benjamin:

"Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten."

Fotos der Ausstellung im Rahmen des Erinnerungsparlaments sowie der einzelnen KünstlerInnen sind auf der Internetseite des LK Kunst des Labenwolf-Gymnasiums zu sehen: www.lk-kunst.de

Im Januar 2003 wurden die Werke der KünstlerInnen im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände gezeigt. Siehe hierzu den Bericht der Nürnberger Zeitung: Simonas symbolträchtige Collage mit Spiegeln und Scherben.


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