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Berichte · Sektion D

Podiumsgespräch D1

Wohin geht die Stadtführung?
Nürnbergs Vergangenheit als Altlast und Imagefaktor

(Bericht: Katrin Bielefeldt)

Auf dem Podium:

Nürnberg kommt bezüglich der nationalsozialistischen Geschichte unbestritten eine besondere Bedeutung zu: Die Stadt wurde von den Nationalsozialisten zu einer von fünf "Führerstädten" erkoren, 1935 verkündete man hier die "Rassegesetze", die als "Nürnberger Gesetze" bekannt wurden, Nürnberg wurde von der mittelalterliche Stadt der Reichstage 1936 zur "Stadt der Reichsparteitage" ernannt und schließlich fanden hier nach Kriegsende die Nürnberger Prozesse statt. Dass diese geschichtlichen Fakten Nürnberger "Altlasten" sind, ist unbestritten, inwieweit sie aber auch als "Imagefaktor" gehandelt werden, soll in dieser Veranstaltung mit Personen diskutiert werden, die professionell mit dem Image der Stadt zu tun haben.

Divergente Nürnberg-Bilder

Der Schriftsteller Horst Krüger schrieb in einem Essay zum Dürerjahr 1971 Folgendes über die divergenten Nürnberg-Bilder:
Man muss sich das vorstellen, wie es ist, wenn ein Nürnberger in die Welt hinauskommt. Der Nürnberger sagt, aus seiner schönen alten Reichsstadt herausgetreten: "Unsere Gotik, unsere Bleistifte, unsere Kirchen, unsere Bratwürste und Lebkuchen, dieses Schatzkästlein des Reiches, dieser Fluchtpunkt der deutschen Seele - wollen Sie das nicht noch mal sehen?" Und der Ausländer: "Oh yes, sure. I remember 'The Reichsparteitage'." Der Nürnberger sagt: "Auch die Taschenuhr, das Fahrrad, der Globus, die erste deutsche Eisenbahn, nicht wahr, historisch gesehen könnte man ...?" Und der Ausländer sagt: "Yes, historic, wir denken jetzt oft an sie, historisch gesehen. Nürnberg (...) diese Kriegsverbrechergeschichten, die machen uns jetzt wieder Sorgen. Ist das eigentlich noch zu sehen bei Ihnen, der Justizpalast and where they were hanged?" Der Nürnberger sagt "Dürer", der Ausländer assoziiert "Führer". Der Nürnberger lobt die Nürnberger Nachrichten, aber der Ausländer würde gerne den Stürmer lesen und fragt, "wo ist er aufbewahrt bei Ihnen?"
Im Jahr 1996 äußerte der damalige Oberbürgermeister Ludwig Scholz:
Unser politisches Handeln muss sich nach vorne orientieren, wir reden ja heute auch nicht mehr über die Folgen des 30jährigen Krieges oder über die des Napoleonischen Krieges.

Die Darstellung Krügers, die immerhin bereits vor über 30 Jahren zu Papier gebracht wurde, wird, so die Podiumsgäste, durch Reaktionen aus dem Ausland immer wieder bestätigt. Dabei stellt sich heraus, dass es starke Unterschiede bezüglich des Herkunftslandes gibt. So steht gerade bei Besuchern aus Amerika die nationalsozialistische Vergangenheit, allem voran die Nürnberger Prozesse, im Vordergrund, während Besucher aus Mittel- und Südamerika, Frankreich oder Osteuropa vor allem am heutigen Nürnberg bzw. an der mittelalterlichen Geschichte interessiert sind.

Musterhafter Umgang mit der Vergangenheit?

Der städtische Verkehrsdirektor Weber kommentiert das oben genannte Zitat wie folgt: "Es hat sich seit 1971 viel geändert. Unsere Erfahrungen im Ausland, insbesondere auch mit Amerikanischen Reiseveranstaltern sind die, dass man es uns Nürnbergern im Gegensatz zu anderen Städten in Deutschland sehr hoch anrechnet, dass wir offensiv mit diesem Thema umgehen und nicht versuchen, den Nationalsozialismus zu verstecken oder die Zeugen dessen, was da noch vorhanden ist. Es gibt andere Städte, die haben auch sehr viel mit dem Nationalsozialismus zu tun gehabt und die tun heute so, als hätte es das nie gegeben. Wir haben damit schon immer offensiv gearbeitet, spätestens seit 1976, als auf die Initiative von Professor Glaser damals die berühmte kleine Schrift Nürnberg zwischen 1933-45 erschienen ist."

Diese Aussage gibt Anlass zur Diskussion. So berichtigt Dr. Siegfried Zelnhefer, dass dies in Nürnberg sicherlich nicht immer so war. Nürnberg habe sich, wie es auch in anderen Städten der Fall war, zunächst nicht der Vergangenheit gestellt. Erst ab 1968 hätte es eine intensivere Auseinandersetzung gegeben. Als Begründung nennt Zelnhefer allerdings den pragmatischen Grund, dass der Stadt "nichts anderes übrig bliebe", da "diese Gebäude nun wahrlich nicht zu verstecken sind". Den Weg, den Nürnberg gerade in Bezug auf das Dokumentationszentrum eingeschlagen hat, beschreibt Zelnhefer hingegen als äußerst positiv. So könne man mit diesem "größten Freilichtmuseum", das in Deutschland noch existiert und auf die nationalsozialistische Geschichte verweist, den Blick nach vorne wenden und aus der Geschichte Lehren ziehen.

Vermarktet Nürnberg eine miserable Geschichte touristisch?

Gerade der Leiter des Jugendgästehauses, Herr Männel, stellt fest, dass sich dieser positive Aspekt des Lernens vor Ort seit Eröffnung des Dokumentationszentrums auch günstig auf die Besucherzahlen im Jugendgästehaus ausgewirkt hat. Neben vielen jugendlichen Besuchern spricht dieser "neue Programmpunkt" auch viele Familien an.

Mit dieser Bemerkung, ist man auch schon mitten in der Diskussion um das eigentliche Thema der Veranstaltung: "Profitiert der Nürnberg-Tourismus von der nationalsozialistische Vergangenheit?", so fragte Bernd Windsheimer. Und die Moderatorin spitze noch weiter zu: "Vermarktet Nürnberg eine miserable Geschichte?" In der nun folgenden Diskussion wird zunächst zwischen dem "breiten Tourismus", also den so genannten "falschen Zielgruppen" und den "bildungsinteressierten Besuchern" unterschieden (Michael Weber). Die einen wolle man bedienen, bei den anderen hätte man Angst sie anzuziehen. Über allem stünde das oberste Ziel "mit dem Grauen keine Geschäfte zu machen" (Weber). Dem Zuhörer stellt sich hier die Frage, ob man durch bildungsbeflissene Personen keine Geschäfte machen kann - oder werden z. B. Einnahmen in der Gastronomie qualitativ hochwertiger dadurch, dass sie aus den Taschen kulturell und geschichtlich interessierter Nürnbergbesucher stammen?

Rettungsanker Dokumentationszentrum

Die Stellungnahme Webers hätte also Anstoß zu einer äußerst interessanten Auseinandersetzung geben können, doch (leider) griff die Diskussion sehr schnell zum - man kann sagen: bewährten - Rettungsanker Dokumentationszentrum, das ja gerade durch die betreuten Angebote zunächst vor Angriffen dieser Art gefeit ist.

Als aus dem Publikum die Frage nach dem neuen Image Nürnbergs als "Stadt des Friedens und der Menschenrechte" und nach dessen Außenwirkung gestellt wird, gibt das doch noch Stoff für eine Diskussion. Die Meinungen gehen weit auseinander: Es sei schwer, eine solche Stadt zu sein, man müsse das leben... Der Menschenrechtspreis sei sicherlich ein wichtiger Beitrag, könne aber nicht alles sein... Es würde eben sehr lange dauern, bis man dem Bild einer Stadt des Friedens und der Menschenrechte entsprechen könne... Die Palette der Anschauungen reichte bis hin zu der Radikalposition, der Menschenrechtspreis sei nur initiiert worden, um das Image Nürnbergs aufzubessern - was allerdings nicht gut gelungen sei.

Aus dem Publikum meldet sich hierzu Hermann Glaser, der ehemalige Schul- und Kulturreferent der Stadt, zu Wort: Zunächst sei das Thema "Nürnbergs Vergangenheit als Altlast und Imagefaktor" falsch. Es gäbe Dinge, die Altlast sind, aber nicht über den Imagefaktor angegangen werden dürften. Man könne weder aus dem Menschenrechtspreis noch aus der NS-Vergangenheit ein Image machen. Die Vorstellung, Nürnberg würde jemals eine Stadt der Menschenrechte sein, sei völlig absurd. Gegen diese Aussage setzt, aus dem Publikum heraus, Siegfried Grillmeyer von der CPH Jugendakademie einen Bericht aus der Praxis mit jugendlichen Nürnbergbesuchern. Zu Beginn von Seminaren würden die Gäste stets um ein Brainstorming bezüglich des "Image" der Stadt gebeten. Neben Lebkuchen, 1. FCN, und Christkindlmarkt würden hier immer auch der Nationalsozialismus, meist in Verbindung mit den Nürnberger Prozessen, aber auch die Straße der Menschenrechte als Assoziationen genannt.

Ausblenden der subtilen Dimensionen

Letztlich bleibt die Frage nach dem bestehenden Image Nürnbergs ungeklärt. Die Erfahrungen von Podiumsgästen und Publikum sind hierbei so unterschiedlich, dass sich die Frage stellt, ob überhaupt ein bestehendes, annähernd kollektives Image von Nürnberg existiert.

Die Podiumsdiskussion schließt mit einigen Beiträgen zur Frage nach dem Umgang mit den Reichsparteitagsgelände. Es gibt hierbei einen Konsens im Plädoyer für das Authentische und in einem Aufruf zur Sensibilität im Umgang mit dem Gelände.

Rückblickend bleibt festzustellen, dass die Diskussion hätte kontroverser verlaufen können. Die Stimmen zu den eigentlich brisanten Themen bleiben an der Oberfläche und man flüchtet sich immer wieder - für den Zuhörer etwas zu schnell - in altgewohntes Terrain, wie beispielsweise in die Frage, wie man in Zukunft mit dem Reichsparteitagsgelände umgehen soll. Die subtileren Dimension der Thematik bleiben allerdings weitgehend ausgespart.


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