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Das Nürnberger Erinnerungsparlament 2002

Resonanz und Resümee

Resümee zum Nürnberger Erinnerungsparlament 2002

Von Zeno Ackermann

Der Gedanke, Jugendliche in exponierter Rolle an einem gesamtgesellschaftlichen Verständigungsprozess zu beteiligen, wurde im Vorfeld des Erinnerungsparlaments nicht selten als ausgesprochen anspruchsvolles Experiment betrachtet. Insbesondere das Prinzip, die zentrale Funktion der Berichterstatter in den Zwischenplenen mit jugendlichen ChronistInnen zu besetzen, war vielen als Wagnis erschienen. Gerade hier zeigte sich jedoch deutlich, dass es Erfolg bringend sein kann, Jugendlichen auch schwierige Aufgaben zuzutrauen. Die Ergebnisse legen es nahe, in Zukunft vielleicht noch ein Stück weiter zu gehen. Eine Möglichkeit könnte z. B. sein, auch die Moderation der Einzelveranstaltungen in die Hände Jugendlicher zu legen.

Beobachter des Erinnerungsparlaments zeigten sich erstaunt, wie intensiv und fruchtbar die Gespräche über Erinnerungspositionen und Erinnerungspraktiken in diesem Rahmen verliefen. Erfreulich war vor allem das rege Interesse der jugendlichen TeilnehmerInnen an den Erinnerungen und "Vermächtnissen" der Älteren, insbesondere auch derer, die Ausgrenzung und Verfolgung durch das nationalsozialistische Deutschland erlitten. Erstaunlich nah kamen sich auch VertreterInnen der zweiten Generation und Jugendliche. Dies gilt besonders für die Workshops der zweiten Sektion, die die Antworten der zweiten Generation auf die Beschweigungstendenzen der Nachkriegsgesellschaft thematisierten. Das Anliegen, Jugendliche nicht nur als Rezipienten, sondern auch als Akteure von Erinnerung in Erscheinung treten zu lassen, wurde besonders gut durch das Projekt "Kunst erinnert" verwirklicht.

Das Erinnerungsparlament machte also Mut. Es bewies, dass es tatsächlich ein großes Bedürfnis und eine wache Bereitschaft gibt, "über die schrecklichen Dinge" der deutschen Vergangenheit "miteinander zu sprechen" - wie Eugen Kogon das schon 1979 gehofft hatte. Ebenso zeigte der Verlauf der Veranstaltung, dass es nicht nur möglich, sondern auch zwingend geboten ist, Jugendliche in diese Reflexionsprozesse einzubeziehen.

Gleichzeitig wurde aber auch deutlich, wie notwendig eine engagierte öffentliche Auseinandersetzung über Inhalte der Erinnerung und Formen des Gedenkens sind. Dieser Befund tritt am schärfsten hervor, wenn man den Diskurs in Deutschland, seine Argumentationsmuster und semantischen Gewohnheiten, gleichsam aus der Außenperspektive betrachtet. So zeigte sich eine an der Veranstaltung beteiligte Historikerin aus Argentinien nicht nur von der Bereitschaft der TeilnehmerInnen des Erinnerungsparlaments, sich offen mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, überrascht - sondern auch davon, dass Deutsche aller Generationen immer wieder über begriffliche Fallstricke zu stolpern pflegen. Zu solchen nicht immer lässlichen und oft auch auf beunruhigende Weise signifikanten verbalen "Ausrutschern" zählt z. B. der häufige naiv-affirmative Gebrauch des Begriffs "Rasse". Ein anderes Problem, das erstaunlicherweise (?) auch bei Jugendlichen sehr oft zu beobachten ist, liegt in der automatischen Reduktion des Problems der Verantwortung auf die eindimensionale und scheinbar leicht zu widerlegende Frage ihrer persönlichen "Schuld".

Es bleibt also gültig, dass wir uns auch heute erst noch auf der Suche nach einer tragfähigen Sprache für die angemessene Auseinandersetzung mit unserer Vergangenheit befinden. Es müsste vor allen Dingen eine Sprache sein, die nicht nur ein würdiges Gedenken an die Opfer, sondern auch den reflektierenden und anerkennenden Dialog mit ihren Nachfahren ermöglicht. Auf den Grundlagen einer solchen Sprache ließe sich dann wohl auch eine deutsche Gesellschaft formulieren, die um sich selbst, um ihre Geschichte und Gegenwart, wüsste und die daher gegen aggressive Rituale der Ausgrenzung gewappnet wäre.

Wenn Jugendbildung sich an der Herausarbeitung und öffentlichen Artikulation einer solchen Sprache beteiligt, leistet sie einen wesentlichen Beitrag gegen "Extremismen", welche die Gesellschaft von den Rändern und aus der Mitte bedrohen. Hier liegt eine große Möglichkeit der Auseinandersetzung mit Zeitzeugen. Der Prozess darf aber eben nicht beim Austauschen oder "Erhören" (subjektiver) Erinnerungsfragmente stehen bleiben, sondern er muss vielmehr in einen öffentlichen ethischen Diskurs münden, in dem Verantwortung geklärt, eingefordert und übernommen wird.

Dass es auch einige wenige negative Stimmen zum Erinnerungsparlament gegeben hat, soll an dieser Stelle nicht verschwiegen werden. Insbesondere ein Zeitzeuge, der am Erinnerungsparlament aus dem Publikum heraus teilgenommen hatte, äußerte in mehreren Schreiben recht heftige Kritik an der Veranstaltung. Er bemängelte, dass die Rolle der katholischen Kirche in der NS-Zeit von einem Bericht erstattenden Zeitzeugen in angeblich undifferenzierter Weise angeprangert worden sei, während andererseits die Bedeutung des christlichen Widerstands auf der Veranstaltung hätte stärker gewürdigt werden müssen. Ferner hätten einige Teilnehmer "Kollektivschuld"-Thesen propagiert, und zwar aus einer Position heraus, die dem Kritiker ohne nähere Begründung als "linkslastig" erscheint. Insbesondere die Behandlung des KOMM und der Massenverhaftungen von 1981 erregten beim zitierten Kommentator Anstoß: Das KOMM sei in einem Workshop "schöngeredet" worden, und zwar "vor jungen Menschen, die von der ganzen Thematik keine Ahnung hatten".
Diese Kritik zu benennen, gebietet vielleicht die Redlichkeit - mehr noch aber soll sie hier aufgrund der Absicht öffentlich gemacht werden, eine möglichst differenzierte Momentaufnahme eines Ausschnitts der deutschen "Erinnerungslandschaft" zu geben.


Zeno Ackermann war an der Konzeption und Organisation des Nürnberger Erinnerungsparlaments 2002 beteiligt
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