erinnerungsparlament.de

Das Nürnberger Erinnerungsparlament 2002

Presseberichte

"Erinnerungsparlament" bringt vier Generationen ins Gespräch über die Nazi-Zeit

(Nürnberger Nachrichten, 26./27.10.02)

Ein interessierter Blick zurück nach vorn?
Umgang mit der Vergangenheit als konstitutives Element der selbstbewussten Bundesrepublik

Zurückblicken, um nach vorn zu schauen? Die Erinnerung an den Nationalsozialismus ist ein Element deutscher Gegenwart und Zukunft. Über den Umgang damit werden an diesem Samstag vier Generationen im "Erinnerungsparlament" diskutieren. Das bisher einmalige Projekt entstand aus der pädagogischen Arbeit des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände, die mit dem Innovationspreis der Region Nürnberg ausgezeichnet und mit dem Preisgeld der Nürnberger Nachrichten belohnt wurde. Am Freitagabend stellte der Historiker Matthias Weiß in seinem Eröffnungsvortrag die Frage "Der Bann ist gebrochen?"

NÜRNBERG- Es ist ein Wortspiel. Der Bann ist gebrochen, bricht jetzt der Damm? Den neuen Umgang mit der deutschen Vergangenheit sieht Matthias Weiß durchaus zweischneidig. Dass das Thema heute unverfänglicher und mit weniger Betroffenheit diskutiert werden kann, versteht der Historiker als Chance: Der Zwang, die Vergangenheit zu rechtfertigen, zu verfälschen oder zu verschweigen, lässt mit der zeitlichen Distanz nach. Und als Gefahr: Manche halten antisemitische Anspielungen wieder für gesellschaftsfähig.

Ein Schlussstrich lässt sich nicht ziehen, ist der 33-Jährige überzeugt, der über Öffentlichkeit und Medienpolitik nach 1945 an der Ruhr-Universität promoviert. Denn der Nationalsozialismus und seine Bewältigung seien "elementar für die Selbstfindung und -definition der Bundesrepublik". Der Prozess führt in 47 Jahren vom Schweigen über die Anklage bis zum kritischen Verstehen.

Gescheiterte "Umerziehung"

Er beginnt mit den Umerziehungsversuchen der Alliierten im Zuge der "Entnazifizierung" direkt nach dem Krieg, die aber keinen nachhaltigen Effekt erzielten. Mehr noch: Nach den Nürnberger Prozessen und mit neuer Souveränität der Bundesrepublik schläft die Diskussion ein. Die Deutschen lenken ihre Energien auf das Wirtschaftswunder - weg von der moralischen zu ökonomischen Fragen. "Das kann nicht als Entschuldigung oder Erklärung dienen", sagt Weiß. Regelmäßig haben Adenauer und Erhard Neuanfänge ausgerufen und damit das Gefühl bedient, "dass es gut sein müsse" mit den Vorhaltungen.

Doch unter dem Mantel des Schweigens regt sich ein neues Bewusstsein. Nach Synagogen-Schmierereien werden die Lehrpläne durchforstet: Wurde genug für die politische Bildung getan? Beim Eichmann-Prozess 1960 wird öffentlich diskutiert, spätestens die Spiegel-Affäre vor 40 Jahren zeigt, dass das Obrigkeitsdenken abgeschüttelt wird. Die 68er jedoch, sagt Weiß, subsumierten deutsche Vergangenheit und Gegenwart pauschal unter den Begriff "Faschismus" und förderten damit neue Verdeckungen.

Erst zehn Jahre später setzt man mit Gedenkstätten ein Zeichen dafür, dass sich die Vergangenheit "nicht von allein erledigt", sondern Teil der deutschen Identität ist. Diese Akzeptanz ermöglicht emotionale Hinwendung. 1979 wird die US-Serie "Holocaust" ausgestrahlt - und die Deutschen weinen erstmals mit den Opfern. Das Thema bleibt sensibel, wo es nationale Identität berührt. Heftig wird der "Historikerstreit" ausgefochten, über Denkmäler und die Benennung von Kasernen debattiert. Noch in den 90ern wird erbittert gestritten: um die Entschädigung von Zwangsarbeitern, um das Holocaust-Mahnmal und Walsers "Moralkeule" Auschwitz.

Entscheidender Wandel

"Immer noch sind alle wichtigen Fragen, die unser Land betreffen, damit verbunden", sagt Weiß. Der Historiker stellt einen entscheidenden Wandel fest. Der Film "Schindlers Liste" etwa oder das Holocaust-Museum in Washington bewegen sich von der Schuldzuschreibung an Deutschland hin zu einem universellen "Was Menschen Menschen antun." Das Menschheitserbe Holocaust ist zum festen Bestandteil unserer Erinnerungskultur geworden. Niederschlag findet dies auch in der Europäischen Verfassung, die Völkermord ächtet.

Vielleicht gerade weil das Thema so etabliert ist, entwickeln viele junge Menschen eine Aversion dagegen. "Ich mache mir Sorgen, dass man den Bedürfnissen der Jüngeren zu weit nachgibt. Es reicht nicht, das Thema nur irgendwie interessant zu machen - ohne Verantwortung zu übernehmen", sagt Weiß. Wie aber gegensteuern? "Das Beste ist, sich mit Leuten zu unterhalten, die das erlebt haben", meint der Historiker. Das Problem jedoch ist, dass es bald keine Zeitzeugen mehr geben wird. Beim Erinnerungsparlament haben Jugendliche von 15 bis 21 Jahren Gelegenheit dazu.

Das "Erinnerungsparlament" tagt am Samstag mit Podiumsgesprächen und Workshops ab 14 Uhr öffentlich im Caritas-Pirckheimer-Haus. Die Schlussdiskussion "Erinnerungsort Nürnberg? Aufgaben, Chancen, Konzepte" beginnt um 20 Uhr im Foyer des Dokumentationszentrums.

Gabi Pfeiffer


.:: Weitere Presseberichte ::. .:: Zur Übersicht Resümee & Resonanz ::.