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Das Nürnberger Erinnerungsparlament 2002

Presseberichte

"Deutsche Geschichte teilen, erforschen und erfragen":

Über 120 Jugendliche, Wissenschaftler und Zeitzeugen bei Tagung im Caritas-Pirckheimer-Haus und im Dokumentationszentrum

Erstes Nürnberger "Erinnerungsparlament" brachte vier Generationen ins Gespräch über den Nationalsozialismus

(Nürnberger Nachrichten, 28.10.02)

Was macht ein Erinnerungsparlament? Es bringt - wie am Wochenende in Nürnberg - vier Generationen ins Gespräch über den Nationalsozialismus und verleitet dazu, "geschichtliche Erfahrung in den Mittelpunkt zu stellen, zu teilen, forschen und erfragen". Rund 80 Jugendliche und 40 Experten und Zeitzeugen nahmen teil an dem innovativen Projekt der Kooperationspartner des Studienforums am Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände, die mit dem Innovationspreis der Region Nürnberg ausgezeichnet und mit Preisgeld der Nürnberger Nachrichten ausgestattet wurden.

NÜRNBERG- "Das sind Menschen, und ich bin auch ein Mensch. Was hätte ich damals gemacht?", fragt Anna Ruck aus Roth, wenn sie über Nationalsozialismus nachdenkt. Die 17-Jährige gehört zur (Ur-)Enkelgeneration und kennt deutsche Vergangenheit vor allem aus dem Unterricht. "Extrem viele Filme und in Deutsch dann auch noch Gedichte", sagt die Gymnasiastin. Doch das Thema kommt nicht wirklich rüber. Anders als die Zeitzeugen, die sich beim Erinnerungsparlament den Jungen gestellt haben.

Franz Rosenbach zählt zu den Verfolgten. "Ich weiß ja gar nicht warum. Weil ich ein Zigeuner war, ein Sinto?", sucht der 75-Jährige noch heute verzweifelt nach dem Unerklärlichen, das ihn in den Schrecken des Nazi-Terrors stürzte. Vier Konzentrationslager und den Todesmarsch nach Neuengamme hat der Mann überlebt, der heute bereitwillig den Ärmel aufkrempelt und Nummer "9264" zeigt. Die blassblaue Tätowierung hat er nach dem Krieg unter Pflaster und langen Hemden versteckt. Erst vor 15 Jahren begann er, über sein Schicksal zu sprechen. "Man versucht das zu versenken. Aber es kommt wieder hoch. Wissen Sie, ich sehe das alles", sagt Rosenbach und wischt sich die Augen.

Vater hingerichtet

Auch Dirk Kuhl spricht vom "großen Schweigen", das in seiner Familie eisern galt. Freilich aus anderen Gründen: Sein Vater machte als Jurist bei der Gestapo Karriere, zeichnete als SS-Hauptsturmführer für die Salzgitterwerke und öffentliche Exekutionen verantwortlich und wurde 1948 als NS-Verbrecher hingerichtet. Erst als 19-Jähriger erfuhr Kuhl davon. Er brach mit seiner Familie und wurde ein 68er. "Die Alten sollten uns gestohlen bleiben", erinnert er sich. Dass die Abwendung von der Vergangenheit unmöglich ist, lehrte ihn seine Frau. Sie hatte die Judenvernichtung in Osteuropa überlebt - und stellte sich in der Organisation "To Reflect and Trust" der Auseinandersetzung mit den Kindern der Täter.

"Haben Sie sich schuldig gefühlt?" und "Wie war das ohne Vater?", haken die Jugendlichen bei Kuhl nach. "Hatten Sie nach dem KZ noch Spaß am Leben?", löchern sie Rosenbach. Sehr intime Fragen. Die ehrlichen Antworten und die hochemotionale Stimmung loben die jungen Männer und Frauen später auf dem Podium. Für viele von ihnen sind es die ersten Zeitzeugen, mit denen sie - abgesehen von beiläufigen Fragen an Oma und Opa - über den Nationalsozialismus sprechen. Der Wissensdurst ist groß.

"Es kann keine Rede von Vergangenheitsverdrossenheit sein, sondern das Wie und Was der Erinnerung ist entscheidend", hat der Historiker Matthias Weiß aus Bochum im Eröffnungsvortrag des Erinnerungsparlaments gesagt. Nürnbergs Kulturreferentin Julia Lehner pflichtete ihm bei: "Es ist bereits abzusehen, dass die Stadt mit der Ausstellung ,Faszination und Gewalt' den richtigen Weg eingeschlagen hat." Immerhin zählte das Doku-Zentrum im ersten Jahr 230 000 Besucher - darunter viele Schulklassen.

Wie die eigenständige Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit gefördert werden kann, stand als Mega-Thema über den Diskussionsrunden. Zumal der Lehrplan gekürzt worden ist: Der Geschichtsunterrichtsieht für das Thema Nationalsozialismus in der 10. Klasse statt 14 nur noch zwölf Stunden vor, in der Kollegstufe neun statt elf. Zu wenig, finden die Schüler und verlangen Projekttage.

Analyse eingefordert

Völlig falsch wäre, da sind sich Pädagogen einig, ausschließlich auf Emotion zu setzen. Etwa indem - wie Matthias Heyl von der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück beobachtet hat - Schüler möglichst lange auf dem Appellplatz antreten und frieren müssen. Nachfühlen nein, einfühlen ja. Vor allem aber, fordert der Historiker Matthias Weiß, dürfe die Analyse nicht hintanstehen: "Müssen wir nicht begreifen, dass viele damals das rassisch reine Deutschland gewollt haben?" Der 33-Jährige merkt kritisch an, dass die Enkel (zu)viel Verständnis für die Großeltern - sprich die Tätergeneration - aufbringen.

Dagegen lobt Nürnbergs früherer Kulturreferent Hermann Glaser "eine ganz große Fähigkeit des Zuhörens, großes Einfühlungsvermögen und Engagement" der Jugendlichen in der Schlussrunde. Ob angesichts heutiger Politik das Wort Erinnerungsparlament jedoch das Treffende sei?, stachelt er. Für Siegfried Grillmeyer war's ein gelungener Tag: "Im Parlament, im Gespräch, im Dialog" und für die Partner des Studienforums, das den Innovationspreis für seine pädagogische Arbeit einheimste. Fortsetzung erwünscht. Vielleicht mit den 68ern?

Gabi Pfeiffer


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