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Berichte · Sektion A

Workshop A 3

Die Qual der Erinnerung
- Franz Rosenbach (* 1927), Verband Deutscher Sinti und Roma

(Bericht von Lea Grabbe)

Franz Rosenbach ist ein freundlicher älterer Herr, er trägt einen dunklen Anzug und schaut aufmerksam in die Runde der Jugendlichen. Auch einige erwachsene Teilnehmer, inklusive Reporter und Fernsehkamera, haben sich zu diesem gut besuchten Workshop eingefunden. Herr Rosenbach wird von Frau Grunow, ebenso vom Verband deutscher Sinti und Roma, vorgestellt. Man sieht Franz Rosenbach seine Geschichte nicht an - sieht nicht, wie viel unbeschreibliches Leid dieser Mensch ertragen musste. Warum? Franz Rosenbach ist ein Sinto - eine Tatsache die zur Zeit des Nationalsozialismus einem Todesurteil gleich kam.

Die Ausgrenzung der Sinti und Roma begann bereits im 15. Jahrhundert und hielt sich besonders im deutschen Raum bis ins 20. Jahrhundert. Auch die Nationalsozialisten bedienten sich schließlich der alten Vorurteile, um ihre "rassenhygenischen Säuberungsaktionen" zu rechtfertigen. Auf Basis der so genannten Nürnberger Gesetze von 1935 wurden neben den Juden auch die Sinti und Roma als "Artfremde" stigmatisiert und systematisch ausgegrenzt, verfolgt und in Lager gebracht.

Es gibt Dinge, die kann er auch heute noch nicht erzählen

Franz Rosenbach beginnt seine Erzählungen bei seinem 16. Lebensjahr. Er machte zu dieser Zeit eine Ausbildung bei der Reichsbahn, als er eines Tages ohne Angaben von Gründen von der Arbeit weggeholt und in ein Polizeigefängnis verfrachtet wurde. Dort fand er bereits seine gesamte Familie vor. Es begann eine Zeit, welche Herrn Rosenbach bis heute Alpträume bereitet. Bereits hier wurden unbequeme Gefangene kurzerhand "beiseite geschafft". Manchmal musste er mit einige Insassen im Keller arbeiten, wo die Gefangenen geköpft wurden.

Herr Rosenbach stockt in seiner Erzählung, vor seinem inneren Auge offenbart sich noch einmal der Keller, das Blut, das an Boden und Wänden klebte, Köpfe die herumlagen. Er musste sie einsammeln und in einem Ofen verbrennen. - Nein, er will nicht weitersprechen, es gibt Dinge, die kann er auch heute noch nicht erzählen. Die Gesichter der Jugendlichen sind versteinert, keiner kann etwas sagen. Ich habe das Gefühl, dass mein Herzschlag so laut ist, dass es alle hören müssten.

Ausbeutung und Demütigung

Herr Rosenbach fährt fort mit seiner Geschichte. Sechs Wochen später wurde er in das "Familienlager" Auschwitz-Birkenau gebracht. Der Transport war unmenschlich: "Wie Vieh wurden wir in enge Güterwaggons eingepfercht, kaum Luft zum Atmen." Trotzdem war Franz Rosenbach immer froh, wenn es auf den Transport ging. Es schwang die leise Hoffnung mit, dass es woanders vielleicht besser sein könnte - oder wenigstens etwas zu essen geben würde. Die Hoffnung war falsch. In Birkenau wurden den Gefangenen gleich bei der Ankunft alle noch gebliebenen persönlichen Gegenstände abgenommen, die Haare abgeschoren und die Kleidung gegen Anstaltskleidung eingetauscht. Jetzt war jeder nur noch eine Nummer, ohne Namen, ohne Identität. Das schlimmste für Franz Rosenbach waren die Schikanen, welche die Gefangenen zusätzlich zu der harten Arbeit ertragen mussten. Jede Gelegenheit wurde genutzt, um die Lagerinsassen zu erniedrigen und zu demütigen. Auf dem Marsch zur Arbeit beispielsweise mussten sie singen. Auch bei der Essensausgabe sollte ein bestimmtes Ritual eingehalten werden - wer sich nicht daran hielt bekam nichts. "Ah, Du hast also schon gegessen" hieß es dann und der Betroffene musste wieder gehen. Die Gefangenen wurden nach ihren eintätowierten Nummern angesprochen, seinen Namen hörte Franz Rosenbach lange Zeit nicht mehr. Wer sich gegen das Lagerleben auflehnte, wurde mit einem Genickschuss "liquidiert".

Herr Rosenbach arbeitete als KZ-Häftling in der Kanalisation und im Steinbruch. Es wurde generell bis zur völligen Erschöpfung gearbeitet, viele schafften die harte Arbeit nicht und wurden "aussortiert". Ein Großteil der Steinmassen aus den Steinbrüchen sollte dazu verwendet werden, Hitlers Prunkbauten (z.B. am Nürnberger Reichsparteitagsgelände) fertig zu stellen.

Eine schlimme Erfahrung war für Herrn Rosenbach, als er in der Nähe des Lagers Dora sechs Wochen im Stollen arbeiten musste, und das ohne jemals zwischenzeitlich das Tageslicht zu sehen. Nach dieser Zeit war er praktisch lichtblind. Es wurde immer deutlicher, dass der Mensch im Lager nichts wert und das Überleben reiner Zufall war.

Überleben als Zufall

Ab dem Frühjahr 1942 fanden die Massenvernichtungen in den dafür vorgesehenen Konzentrationslagern (z.B. Auschwitz) statt. Wer nicht vergast oder erschossen wurde kam durch Hunger, Krankheit oder die harte Arbeit um, viele wurden Opfer unmenschlicher medizinischer Experimente oder suchten aus Verzweiflung den Freitod am elektrischen Zaun, der das KZ umgab. Kurz vor Ende des Krieges kam der Befehl, das Lager Harzungen, wo sich Herr Rosenbach inzwischen befand, aufzulösen. Die Gefangenen wurden zu ihrem letzten Marsch getrieben. Der führte sie durch geplünderte Dörfer wo die Frauen und Kinder angstvoll vor den "Verbrechern" (wie die KZ-Häftlinge offiziell angekündigt wurden) Schutz suchten. Manchmal bekamen sie eine rohe Kartoffel zu essen, die sie im Laufen herunterschlagen.

Viele Gefangene überlebten die Tortur nicht und blieben entkräftet am Wegrand zurück. Zu Beginn des Marsches von Harzungen nach Oranienburg, waren es zwischen 600 und 700 Häftlingen, angekommen sind sechs Menschen, unter ihnen Franz Rosenbach. Herr Rosenbach flüchtete nach Kriegsende weiter nach Dessau und schlug sich dann bis nach Österreich durch. 1950 ging er schließlich nach Nürnberg zurück, wo er zufällig zwei seiner Schwestern traf, die überlebt hatten. Die übrigen 21 Personen aus seiner nächsten Verwandtschaft sind alle umgekommen.

Herr Rosenbach hält kurz inne, wischt sich die Augen und fragt immer wieder "WARUM"? Warum konnte das alles passieren? Warum haben die Menschen solche Qualen ertragen müssen - Männer, Frauen und Kinder die nichts verbrochen haben? Im Kreis der ZuhörerInnen bleibt es weiter still. Was sollen wir sagen, auch für uns ist diese Frage nicht zu beantworten.

Es fühlt sich anders an, wenn jemand, der dabei war plötzlich vor einem sitzt

Die folgende Diskussion läuft zögernd an, wir müssen das Gehörte erst verarbeiten. Es ist schwer zu begreifen, was dieser Mann erlebt hat. Theoretisch wissen wir einiges über das "Dritte Reich", auch über die Verhältnisse in den Konzentrationslagern. Aber das ist in unseren Köpfen Geschichte. Das ist ziemlich weit entfernt von unserer Zeit, wir kannten die Menschen damals nicht. Es fühlt sich anders an, wenn jemand, der dabei war plötzlich vor einem sitzt, hier in der Gegenwart. Es macht betroffen, viel mehr betroffen als einen Dokumentarfilm anzusehen. Theoretische Fakten werden plötzlich lebendig, starre Bilder bewegen sich und bringen uns ganz nah heran an eine Zeit, die wir lieber schon vergessen hätten. Herr Rosenbach, der während seinen Erzählungen immer wieder um Fassung gerungen hat, versucht zu lächeln während er die ersten Fragen beantwortet.

"Gab es keine Vorankündigungen über eine Deportation?" - Nein, er selbst habe anfangs nicht geglaubt, dass er tatsächlich in ein Vernichtungslager kommen könnte, er war schließlich ein ehrbarer Bürger und kein Verbrecher. Als klar wurde dass Sinti, Roma und Juden mit Verbrechern gleichgesetzt wurden, war es für Herrn Rosenbach und seine Familie schon zu spät.

"Haben Sie lange gebraucht um die Erlebnisse zu verarbeiten?" - Herr Rosenbach hatte sehr lange nicht von seiner Vergangenheit gesprochen. Er habe große Angst gehabt, Angst die Geschehnisse noch mal aufleben zu lassen. Er redete mit niemandem darüber. Nach dem Krieg lernte er seine heutige Frau kennen. Seine Frau und die Kinder haben ihm viel Kraft gegeben. Er begann teilweise, seiner Familie von der Vergangenheit zu erzählen. Vor 10 Jahren habe er erstmals mit der Aufarbeitung begonnen und an verschiedenen Gedenkveranstaltungen teilgenommen.

"Hatten Sie noch Lebenslust? Keine Selbstmordgedanken?" - Niemals, Herr Rosenbach wehrte sich gegen solche Gedanken, seine innere Überzeugung sagte ihm immer: "Hier bleibe ich nicht, und ich werde hier wieder rauskommen." Herr Rosenbach ist gläubig, schon allein deshalb kam Selbstmord für ihn nicht in Frage. Sein Glaube und dieser unerschütterliche Optimismus hat ihm wahrscheinlich das Überleben ermöglicht.

1991: Hundert Mark für die deutsche Staatsbürgerschaft

"Hatten sie nach dem Krieg die deutsche Staatsbürgerschaft?" - Als ehemaliger KZ-Häftling hatte Herr Rosenbach, der zwar in Deutschland geboren und deutscher Staatsbürger war, zunächst keine Papiere und damit auch keine Beweise für seine Herkunft. Da Herr Rosenbach im heutigen Tschechien geboren wurde, war es sehr schwer, die deutsche Staatsbürgerschaft zu erhalten, da dieser Teil nach dem Krieg nicht mehr zu Deutschland gehörte. Herr Rosenbach schlug sich also mit Aufenthaltsgenehmigungen und begrenzten Arbeitserlaubnissen durch, bis er schließlich 1991 eingebürgert wurde, wofür er 100 DM pro Familienmitglied zahlen musste.

"Haben Sie noch ihre Nummer?" -´Herr Rosenbach krempelt seinen Ärmel hoch und zeigt uns eine blassblaue Tätowierung auf dem Unterarm. Nein, er hatte die Nummer nicht entfernen lassen, er hatte sie auch niemandem gezeigt, sie mit Pflastern und unter langen Ärmeln versteckt. Auch das war ein Akt der Verdrängung gewesen.

Immer noch Angst...

"Wie haben ihre Schwestern überlebt?" - Die beiden wollen bis heute nicht über ihre Erlebnisse sprechen. Sie waren auch in Birkenau, aber sie schweigen darüber, haben immer noch Angst.

"Sind sie nach dem Krieg an die Gedenkstätten der Konzentrationslager zurückgekehrt?" - Ja, Herr Rosenbach ist im Vorstand einiger Gedenkstätten. Er ist hält Vorträge an Schulen und nimmt an verschiedenen Veranstaltungen teil. Als er das erste Mal nach Auschwitz zurückkam, musste er sich die Ohren zuhalten. Immer noch hörte er das Marschieren der Häftlinge, die Schreie der Verletzten. Die Erde in Auschwitz ist mit Blut getränkt. Wenn er über das Gelände geht, sieht er auch heute noch die Leichen auf einem Haufen liegen, die Aufseher in ihren Wachtürmen, den Stacheldraht... Nein, heute kann er nicht mehr schweigen. "Alles dreht sich im Kreis". Herr Rosenberg möchte die Nachkommen über die Verbrechen der NS-Zeit aufklären, so dass das, was passiert ist, nie wieder vorkommen wird.

Ein Jugendlicher gibt eine Rückmeldung zur Veranstaltung, über die sich insbesondere Herr Rosenberg sehr freut: "Die Begegnung mit Zeitzeugen ist eine wichtige Erfahrung, weil man endlich mal die Möglichkeit hat, persönliche Fragen zu diesem Thema zu stellen - das kann man in keinem Dokumentarfilm tun. Es ist auch gut, dass wir jetzt und heute an diesem Treffen teilnehmen können, denn in zehn Jahren wird es keine überlebenden Zeitzeugen mehr geben. Die Stimmung und die Erfahrung bei einem persönlichen Austausch kann wirklich gegen keinen Film aufgewogen werden."


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