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Berichte · Sektion A

Workshop A 4

- Eva Rößner (* 1926), Nürnberg

Das große Interesse an diesem Workshop machte es erforderlich, für die mehr als 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmer weitere Stühle in den Seminarraum zu holen. Dennoch fanden manche nur noch auf dem Boden Platz, so dass der Charakter eines "Sit-in" die Veranstaltung prägte. Besonders erfreulich war der hohe Anteil an Jugendlichen, welche dominierten.

Als Moderatorin eröffnete Frau Franger-Huhle den Workshop mit einer kurzen Vorstellung von Eva Rößner. Sie betonte, dass die 1926 Geborene den größten Teil ihrer Kindheit und Jugend im "Dritten Reich" verbringen musste. Als "Mischling 1. Grades" - ihr jüdischer Vater, der zudem noch, ebenso wie die Mutter, in der KPD engagiert gewesen war hatte sich bereits unmittelbar nach der "Machtergreifung" in den Untergrund begeben - erlebte sie diese Zeit aus einer besonderen Perspektive.

Anschließend schilderte Frau Rößner ihre Erlebnisse im "Dritten Reich" zunächst in Form einer rein monologischen Erzählung. Am Anfang standen Kindheit und Jugend der Eltern, ihr Kennenlernen in der kommunistischen Jugendbewegung, ihr Eintritt in die KPD, sowie die Heirat 1926 - in dem Jahr, in dem auch Eva geboren wurde. Frau Rößner berichtete sodann über das Schicksal der Familie direkt nach der "Machtergreifung" und betonte, dass sie diesen Zeitraum oftmals nur mittelbar aus Erzählungen über ihre eigenen Reaktionen erinnern könne. Im Gedächtnis sei ihr aber ein Protestfackelzug gegen die Nationalsozialisten in Nürnberg geblieben, der vor dem 30. Januar stattgefunden haben müsse.

Vater im Untergrund, Mutter im Gefängnis

Ihr Vater ging bereits im Februar 1933 in den Untergrund; die Mutter wurde wenig später verhaftet und ins Frauengefängnis nach Aichach gebracht. Obgleich sie und ihr Bruder nun zu den mütterlichen Großeltern kamen, riss der Kontakt zur jüdischen Familie des Vaters nicht ab. Über ein Jahr war die Mutter in Haft; sie kam erst frei, nachdem sie dem Rat des Vaters - der inzwischen nach Prag emigriert war - folgte und sich scheiden ließ. Kontakt zu dem "Juden Jakob" wurde ihr strengstens verboten; das gelegentliche Auftauchen der Gestapo und Nachfragen hinsichtlich ihres ehemaligen Mannes wurden zur einzigen Informationsquelle darüber, dass er offensichtlich noch lebte und weiterhin gesucht wurde. Dennoch blieb Evas Mutter von weiteren Schikanen - etwa einer zeitweiligen Beschlagnahmung ihres Haushalts oder einer zwischenzeitlichen Ausbürgerung - nicht verschont.

In diese schwierige Zeit fiel die Einschulung. Frau Rößner betonte, sie habe in ihrer Schulzeit Glück mit den Lehrern gehabt, die oftmals bereits ihre Mutter unterrichtet hatten und eher der Sozialdemokratie nahestanden. Deswegen und auch weil sie in einem sozialdemokratisch geprägten Arbeiterviertel aufwuchs, blieb ihr Diskriminierung als "Mischling 1. Grades" weitgehend erspart. Eine weiterführende Schule aber war für sie von vornherein ausgeschlossen.

Ermordung der Großeltern - Lehre bei einem Nationalsozialisten

Im jüdischen Zweig der Familie wurde in den Jahren direkt nach der "Machtergreifung" über eine mögliche Auswanderung diskutiert. Diese unterblieb aber, weil auch hier der Glaube vorherrschte, so schlimm könne es gar nicht werden. Die großbürgerlichen Eltern von Evas Vater schlugen sich mit Gelegenheitsjobs und Heimarbeit durchs Leben. In der "Reichskristallnacht" wurde ihnen der gesamte Haushalt demoliert. Frau Rößner kann sich noch sehr genau an die völlig verwüstete Wohnung erinnern. Danach wurden die väterlichen Großeltern in einem der Nürnberger "Judenhäuser" einquartiert, von wo aus sie 1942 Richtung Polen abtransportiert und dort - wie Eva Rößner heute weiß - sofort umgebracht wurden.

Am Ende ihrer Schulzeit 1941 gelang es Eva Rößner mit Hilfe ihrer Mutter, eine Lehrstelle in ihrem Wunschberuf als Drogistin zu finden. Obwohl der Inhaber des Geschäfts seit 1929/30 Mitglied der NSDAP war, ermöglichte er ihr die dreijährige Ausbildung einschließlich der Teilnahme an den Abschlussprüfungen. Sie arbeitete auch nach 1945 bei ihm weiter.

Während Frau Rößner, wie sie selbst betonte, also immer wieder Glück hatte, erging es ihrem Großvater mütterlicherseits leider nicht so. Er hatte sich einen Volksempfänger so umgebaut, dass er damit die verbotenen ausländischen Sender empfangen konnte. Trotz diverser Tarnversuche erhielt im Sommer 1944 seine Frau eine Vorladung der Gestapo, zu der er sie begleitete. Nach getrennten Verhören wurde der 69jährige Mann verhaftet und zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt. Schon nach vier Wochen starb er im Gefängnis.

Bereits dieser vorrangig von der Erzählung Frau Rößners dominierte Teil des Workshops war gelegentlich durch Zwischenfragen der Jugendlichen aufgelockert worden. Im Anschluß daran nutzten vor allem diese die Gelegenheit zu Nachfragen. In zwangloser Form beantwortete Frau Rößner die vielfältigen Fragen.

So wurde deutlich, dass die Familie einen "Schutzmantel" um Eva und ihren Bruder zu bilden versuchte. Frau Rößner erzählte von einer Weihnachtsfeier bei den jüdischen Großeltern die trotz der angespannten Atmosphäre möglichst "normal" sein sollte. Heute versucht sie selbst, nachdem ihre Kindheitserinnerungen nicht immer zuverlässig sind, durch Lektüre der Briefe ihrer Mutter und Großmutter einen Einblick in die damalige Stimmungslage zu erhalten.

An dieser Stelle hielt es die Moderatorin für angebracht, den erwähnten Personen durch Fotografien auch ein Gesicht zu verleihen. Sie wies darauf hin, dass Evas Vater beim Einmarsch der Deutschen in die Tschechoslowakei mit Hilfe einer tschechischen Jüdin auf dem Umweg über Polen nach England fliehen konnte. Mit dieser, seiner zweiten Frau lebte er dort dann bis zum seinem Tod im Jahr 1942. Erst nach dem Ende des Krieges wurde sein Schicksal der Familie bekannt.

Hassgefühle?

Eine Reihe von Nachfragen kreiste darum, wie Frau Rößner diese Zeit emotional durchlebte und ob in ihr Hassgefühle oder das Bedürfnis nach Widerstand erwachten. Frau Rößner betonte immer wieder, dass sie sich "angepasst" hatte und versuchte, sich möglichst "klein" zu machen. Sie sei keine "Kämpferin" gewesen. Zudem habe sie sich gar nicht mehr vorstellen können, dass es einmal anders werden könnte. Aus rückblickender Sicht und mit ihrem heutigen Wissen, hätte sie sicher manches anders gemacht, doch sie war eben ein Kind, das in diese Situation "hineingewachsen" ist. Doch die zwölf Jahre haben sie trotzdem sehr geprägt - vor allem hinsichtlich ihres späteren politischen Engagements als Kommunistin und auf ihrem Weg zur Friedensbewegung. Besonderen Stolz auf ihren Vater habe sie als Kind nie gefühlt, da sie ja auch erst nach 1945 von seinem Schicksal erfuhr. Noch heute allerdings sei gerade das Schicksal ihrer jüdischen Großeltern mit einer "Sperre" belegt, die sie wohl als Schutzfunktion noch immer benötige.

Weitere Nachfragen bezogen sich auf Frau Rößners Erinnerungen an die Reichsparteitage in Nürnberg. Im Gedächtnis waren ihr diesbezüglich verschiedene, sehr alltägliche Aspekte geblieben: der Tag und Nacht anhaltende Lärm während des Geländebaus, der Verlust des alten Nürnberger Tiergartens oder die vierzehn Tage länger dauernden Schulferien wegen der Einquartierungen in den Schulhäusern. Doch auch an Aufmärsche, Flugzeugschauen und den "Lichterdom" kann sich Frau Rößner erinnern. Einmal habe sie sogar "den Führer gesehen", und da sei "ein einziger Jubel" gewesen.

Gegen Ende des Workshops wurde Eva Rößner nach ihrer Konfession gefragt. Sie nutzte die Gelegenheit, um ihr persönliches "Vermächtnis" zu formulieren. Sie sei vollkommen "freireligiös" aufgewachsen; die verschiedenen Zweige der Familie waren katholischen, protestantischen oder jüdischen Glaubens. So sei für sie insbesondere gegenseitige Toleranz das wichtigste überhaupt.


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