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Berichte · Sektion B

Workshop B 1

Mit dem "großen Schweigen" umgehen
- Dirk Kuhl (* 1940) berichtet als Sohn eines "Täters" von der Auseinandersetzung mit seiner Familiengeschichte

(Bericht von Waltraud Sennebogen)

An diesem Workshop nahmen ungefähr 25 Personen - und zwar vorwiegend Jugendliche - teil. Zu Beginn verdeutlichte der Moderator Ansgar Reiß, dass mit Dirk Kuhl, einem Vertreter der zweiten Generation, nun eine andere Ebene thematisiert werde. In seinen knappen Einleitungsworten wies er darauf hin, dass Dirk Kuhl erst mit 18 Jahren die wahre Identität seines Vaters erfahren habe: Dieser war nicht etwa, wie man ihm erzählt hatte, 1948 in britischer Gefangenschaft gestorben, sondern aufgrund seiner Taten als hoher SS-Offizier und Gestapo-Funktionär hingerichtet worden. Wie ging der junge Mann mit dieser Erkenntnis um? Und vor allem: Inwiefern prägte sie sein weiteres Leben, nachdem er später ausgerechnet eine ukrainische Jüdin heiratete, die als Kind im Versteck überlebt hatte?

Zunächst ergriff Dirk Kuhl das Wort und fragte die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nach der von ihnen bevorzugten Gestaltung des Workshops. Er selbst setze sich in seiner Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus zwei Schwerpunkte: zum einen die Karriere seines Vaters und den Einfluss totalitärer Systeme, sodann die "andere Seite" (bis heute hat er engen Kontakt zur Familie seiner inzwischen verstorbenen ersten Frau). Herr Kuhl schlug daher vor, zunächst die Karriere seines Vaters kurz zu erzählen. Er betonte aber seine Bereitschaft zu einer möglichst offenen Gestaltung und zum Eingehen auf jede Frage.

Laufbahn eines Schreibtischtäters

Herr Kuhl schilderte also zunächst den Werdegang seines Vaters, der einer autoritären Beamtenfamilie entstammte. Nach dem Abitur 1928 wurde er von seinem Vater zum Jurastudium gezwungen. Über eine schlagende Verbindung führte ihn sein Weg 1933 in die SA. Als er 1937 sein Examen als Assessor lediglich mit "ausreichend" ablegte, war klar, dass er auf üblichem Weg kaum Karriere würde machen können. So gelangte er auf Umwegen zur Gestapo Braunschweig, da ihm die Nationalsozialisten neue berufliche Perspektiven eröffneten. In das Jahr 1939 fällt auch die Heirat mit seiner Frau, die einer Kaufmannsfamilie und damit einem völlig anders geprägten Milieu entstammte.

Wie Dirk Kuhl einem Tagebucheintrag seines Großvaters mütterlicherseits entnehmen konnte, war dieser sehr gegen diese Ehe. Sein Schwiegersohn unterstützte in den Hermann-Göring-Werken in Salzgitter die drastischen Strafmaßnahmen gegen die Arbeiter in den Konzentrationslagern ähnelnden Arbeitslagern, in denen vor allem seit 1942 überwiegend Zwangsarbeiter untergebracht waren. So galt bereits die Weigerung, glühendes Eisen mit bloßen Händen anzufassen als Akt der "Sabotage". Die (formal)juristische Seite solcher Verurteilungen war das alltägliche Handwerk von Dirk Kuhls Vater. Wenngleich er einmal 1943 einen halbherzigen Ausstiegsversuch unternommen hatte, machte er seine Arbeit gut genug, um noch im April 1945 zum Oberregierungsrat bzw. SS-Hauptsturmbannführer befördert zu werden. Er versuchte, sich den britischen Militärbehörden durch Flucht zu entziehen, wurde aber dennoch bald verhaftet und im Prozess um das Lager in Salzgitter angeklagt. Nachdem sich der Lagerkommandant bereits umgebracht hatte, konnte man nur noch Kuhl haftbar machen und so kam es, dass er nach dem Prinzip der Sühne noch im November 1948 zum Tod verurteilt und erschossen wurde.

Mit dem "großen Schweigen" umgehen...

Besonders problematisch habe sich, so Dirk Kuhl, das Verhältnis zu seiner Mutter gestaltet, nachdem er diesen Tatsachen auf die Spur gekommen war. Sie hätte stets völlig unreflektiert von seinem Vater erzählt, oft auch geradezu bewundernd. Noch 1970 habe sie sich gegenüber der jüdischen Schwiegertochter positiv über die Fähigkeiten ihres Mannes geäußert, gewisse Leute "herauszupicken". Auf den kritischen Kommentar der Schwiegertochter, dies seien "ihre Leute" - also Juden - gewesen, sei die Mutter einfach verstummt.

Nach diesem knappen Abriss der Geschichte seines Vaters entwickelte sich zwischen Dirk Kuhl und den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Workshops ein sehr offenes und angeregtes Gespräch. Herr Kuhl scheute auch bei schwierigen Fragen nicht vor ehrlichen Antworten zurück und konnte so eine Atmosphäre echten, offenen und freien Dialogs schaffen. Einen Schwerpunkt der Fragen bildete das von ihm selbst bereits thematisierte, sehr zwiespältige Verhältnis zu seiner Mutter. Diese hatte ihm ja die wahre Identität des Vaters jahrelang verschwiegen, was viele der Teilnehmerinnen und Teilnehmer sehr befremdete. Das kollektive "große Schweigen" der 50er Jahre hinsichtlich der jüngsten deutschen Vergangenheit wird von den Jugendlichen heute also oft nicht mehr verstanden, die sehr überrascht davon waren, daß die Menschen auch innerhalb der Familien nicht geredet haben. Herr Kuhl schilderte im Workshop sehr offen seine Gefühle gegenüber seiner Mutter, die ständig emotionalen Schwankungen unterworfen waren. Er hob hervor, daß das Fortbestehen des Kontakts im Grunde genommen der Verdienst seiner jüdischen Frau war, die der Familie trotz aller Geschehnisse einen sehr großen Stellenwert beimaß. Einen wirklich herzlichen Zugang zu seiner Mutter konnte Dirk Kuhl aber nicht mehr finden; sie blieb eben "die Frau, die mich geboren hat" und letztlich immer auch fremd.

Ehe als "Wiedergutmachung"?

Ebenfalls sehr wichtig waren den Nachfragenden vertiefende Informationen über die verstorbene erste Frau Dirk Kuhls. Es wurde mit Erstaunen zur Kenntnis genommen, dass sie, die das "Land des Feindes" hatte kennenlernen wollen, dort den Mann fürs Leben fand, der zudem noch der Sohn eines Täters war. Herr Kuhl erzählte ganz offen von den großen Schwierigkeiten, die seine jüdischen Schwiegereltern, insbesondere die Schwiegermutter, anfangs damit hatten. Heute aber ist er bei seinen Verwandten in Israel ein gern gesehener Gast. Für seine Frau spielte ihre jüdische Herkunft nicht wirklich eine große Rolle, in der 68er Zeit sei es auch ihr vor allem um den Blick in die Zukunft und das Leben in einer andern Welt gegangen. Er, so Dirk Kuhl, habe besser Jiddisch gesprochen als sie. Im Übrigen habe sie den Standpunkt vertreten, sie könne sich in diesem Land dann wieder richtig wohl fühlen, wenn sie dort als Jüdin aufgehört habe für die anderen Menschen "etwas Besonderes" zu sein. Herr Kuhl stellte sich sogar der schwierigen Frage, ob er seine Frau letztlich als persönliche "Wiedergutmachung" geheiratet habe. Er meinte, wenn überhaupt, dann habe eher zeigen wollen, dass die Vergangenheit über das neue Leben in Deutschland und vor allem auch über ihn selbst keine Macht mehr hatte.

Nachdenken und vertrauen...

Ein dritter großer Bereich innerhalb des Gesprächs im Workshop widmete sich der Entstehung und Arbeit der "Organisation To Reflect and Trust", deren Mitglied Dirk Kuhl bis heute ist. Vor mehreren Jahren, so Dirk Kuhl, gab es im "Spiegel" eine Titelstory über ein Mädchen namens Stefanie, das aus vielfältigen Gründen eine ausgesprochene Bewunderung ihres Großvaters, eines hohen SS-Offiziers, entwickelt hatte. Kuhl versuchte über einen Leserbrief Kontakt zu ihr herzustellen, was aber nicht gelang. Doch ein israelischer Professor wurde auf ihn aufmerksam. Professor Dan Bar On hatte sich bereits in einer Studie mit den Reaktionen und Belastungen der "Opferkinder" auseinandergesetzt, in deren Familien ebenfalls das "große Schweigen" vorherrschte. Nun fragte er sich, wie die Kinder der Täter mit dieser "Last des Schweigens" umgingen. Er organisierte eine bewußt auf nichtwissenschaftliche Teilnehmer setzende Tagung an der Universität Wuppertal und brachte so ein großes Treffen von "Täterkindern" zustande. Dort konnten diese, darunter auch Kinder holländischer SS-Angehöriger, erstmals offen über ihre Schuldgefühle diskutieren. Aus der Zusammenführung von Täter- und Opferkindern, die letztlich beide mit derselben "Last des Schweigens" zu leben hatten, ging schließlich die "Organisation To Reflect and Trust" hervor.

Dirk Kuhl ist dort auch heute noch sehr engagiert. Er erzählte davon, daß die Mitglieder der Organisation nicht nur sich selbst gegenseitig unterstützen, sondern mit ihren Erfahrungen an aktuellen Krisenherden helfen und versöhnen wollen. So seien sie gerade erst in Nordirland gewesen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Workshops waren von diesem alternativen Ansatz zur Bewältigung der NS-Vergangenheit, der auf so ungewöhnliche Weise an die Problematik herangeht, sehr beeindruckt.


Der Kontakt mit Dirk Kuhl war bei der Planung des Erinnerungsparlaments zustande gekommen. Herr Kuhl hat sich seither immer wieder an Seminaren mit Jugendlichen als Gesprächspartner beteiligt.


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