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Berichte · Sektion B

Workshop B 2

Vom Unvermögen, sich mit Andersdenkenden auseinanderzusetzen
- Angela Rauscher (* 1950) und Michael Popp (* 1942) über den Umgang mit dem Nationalsozialismus und Gefährdungen der Demokratie

(Bericht von Yvonne Steif)

Ohne die Verdrängung der deutschen Vergangenheit, wie sie das gesellschaftliche Klima nach 1945 prägte, wären weder die 68er-Generation noch die politischen Auseinandersetzungen der 70er- und 80er-Jahre möglich gewesen. So urteilt ein Schüler im Anschluss an die Zeitzeugenberichte von Angela Rauscher und Michael Popp, deren Eltern jeweils die Zeit des Nationalsozialismus miterlebt hatten, die beide die Schule in der unmittelbaren Nachkriegszeit besuchten, und die sich beide zum Teil auf Umwegen entschlossen, den Lehrerberuf zu ergreifen.

"Vergangenheitsbewältigung" in der Nachkriegszeit

Der Nationalsozialismus, so Angela Rauscher, sei in ihrer Familie nicht thematisiert wurden. Über das "Dritte Reich" habe man in der bürgerlichautoritären, aber dennoch liebevollen Familie einzig mit Hilfe der Sigel "Hitler", "Jude" und "Krieg" gesprochen. Der Krieg sei dabei so in Erscheinung getreten, wie ihn beispielsweise ihre Mutter, die nach ihren Erlebnissen an der Flak traumatisiert war, erlebt hatte. Eine "wirkliche" - und damit meint Rauscher eine rationalintellektuelle Auseinandersetzung - habe indessen nicht stattgefunden. "Wir haben nichts gewusst", lautete die Antwort auf Nachfragen der heranwachsenden Tochter zur deutschen Geschichte.

Diese Art und Weise der "Vergangenheitsbewältigung" wird von Michael Popp im Wesentlichen bestätigt. Seine Eltern zogen sich während des Kriegs aus Nürnberg auf das Land zurück. Er sei daher in einer "Idylle" aufgewachsen, die selbst nach 1945 aufrechterhalten wurde, als die Familie an den Stadtrand von Nürnberg zurückkehrte. Sein Schulweg führte ihn täglich über die "Trümmerwüste" der zerbombten Stadt, was er aber aus dieser Erfahrung gemacht habe, wisse er nicht mehr. Als normal habe man das damals eben empfunden.

Die Schule, so lautet ein Vorwurf beider Zeitzeugen, habe versäumt, die von den Eltern erlebte und dann verdrängte Geschichte aufzuarbeiten; der Geschichtsunterricht endete vielmehr mit dem Jahr 1933. Die durch den Krieg geprägten Lehrer hätten den Schülern darüber hinaus selbst in der Nachkriegszeit unterschwellig Komponenten der NS-Ideologie vermittelt. Höchstens verschlüsselt thematisierten sie den Nationalsozialismus etwa im Deutsch- und Literaturunterricht. Eine Ausnahme erwähnt Michael Popp mit seinem Kunsterzieher, der die Schüler über Réné Leisers Film Nacht und Nebel an das Thema heranführte. Leiser habe in seinem Werk erstmals den Versuch unternommen, das Grauen künstlerisch zu übersetzen. Im gleichen Atemzug erinnert sich Michael Popp jedoch an den "Nazi-Müller", der diesen Beinamen seiner den Schülern im Detail unbekannten Vorgeschichte während des "Dritten Reichs" verdankte.

Gewalt- und Unrechtserfahrungen in der Demokratie

"Welches Schlüsselereignis veränderte ihren persönlichen Umgang mit dem Nationalsozialismus?" Michael Popp beantwortet diese Frage des Moderators mit einem Hinweis auf das Tagebuch der Anne Frank, das ihn dazu bewogen hätte, sich näher mit dem Thema auseinander zu setzen. Er hatte bereits vor dieser Lektüre zusammen mit seinen Eltern das ehemalige Konzentrationslager Flossenbürg besucht; diese Konfrontation mit der Geschichte habe ihn jedoch kalt gelassen. Angela Rauscher ihrerseits sog während ihres Studiums alles auf, was sich ihr an Informationsmaterial zu dem Thema darbot. Innerhalb der Gesellschaft generell, so erläutert der Moderator, sei im Anschluss an die Hinrichtung des ehemaligen SS-Obersturmbandführers Adolf Eichmann in Jerusalem 1961 erstmals eine öffentliche Diskussion über die Ursachen des und die Schuld am Nationalsozialismus in Gang gekommen.

Es ist jedoch nicht diese beginnende öffentliche Debatte über die deutsche Geschichte, die die beiden Zeitzeugen wirklich bewegt. Sie schildern den jugendlichen Teilnehmern vielmehr ihre jeweils eigene "Gewalterfahrung in der Demokratie" (Michael Popp). Angela Rauscher berichtet in diesem Zusammenhang von ihrer "Ohnmachtserfahrung" anlässlich des Ministerpräsidentenerlasses der Regierung Willy Brandt im Jahre 1972. Die Regelung, Staatsbeamte nunmehr auf ihre Verfassungstreue hin zu überprüfen, wirkte sich vor allem für Mitglieder und Sympathisanten linker Gruppierungen negativ aus. Sie selbst sei damals nicht in den Vorbereitungsdienst für das Lehramt aufgenommen worden, weil ihr Mann der Kommunistischen Partei angehörte und ihre Hochzeitsanzeige in der kommunistisch geprägten UZ veröffentlicht worden war. Die damals aktive Jungdemokratin, die der FDP und der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft als Mitglied angehörte, fühlte sich damals und fühlt sich noch heute angesichts der Vorfälle als ein Opfer von "Sippenhaft". Die Ursachen für den hier offen zu Tage tretenden Unwillen, sich mit Andersdenkenden auseinanderzusetzen, sieht Angela Rauscher in der deutschen Vergangenheit und deren unzureichender Aufarbeitung.

Michael Popp erlebte seine erste "Ohnmachtserfahrung" anlässlich der Erstürmung des Nürnberger Kommunikationszentrums (KOMM) im Jahre 1981, der die Verhaftung von 191 Personen folgte. Angst und ein subjektives Ohnmachtsgefühl empfand der Leiter der Kultureinrichtung, die er als Beispiel einer fundamental gelebten Demokratie charakterisiert. Dass ein objektiver Vergleich mit der nationalsozialistischen Gewalt keinesfalls möglich ist, gesteht er zwar ein, verweist aber darauf, dass für ihn durchaus subjektive Vergleichsmaßstäbe existierten. Persönlich habe er aus den Ereignissen die Konsequenz gezogen, gegenüber dem Staat, der Polizei und der Justiz noch kritischer zu sein.

Ein Teilnehmer, der diese Zeit als Erwachsener miterlebt hatte, erinnert an "die Typen, die vor dem KOMM rumhingen." Das von Rauscher erwähnte Berufsverbot müsse außerdem vor dem Hintergrund des Kalten Krieges gesehen werden, als "man knapp vor einem Krieg stand". Eine Teilnehmerin, die das Jahr 1968 als Kind erlebte, berichtet ebenfalls von der Aggression ihrer Eltern, die stets fürchteten, "die" würden all das zerstören, was sie nach 1945 wieder aufgebaut hatten. Die Elterngeneration sei ganz durch den praktischen Aufbau geprägt gewesen und war wohl deshalb nicht bereit, sich intellektuell mit dem Thema auseinanderzusetzen. Diese beiden Wortmeldungen illustrieren die Stimmung, wie sie 1981 in der Nürnberger Bevölkerung vorherrschte, die sich unmittelbar nach der Erstürmung des Gebäudes jedoch in ihr Gegenteil kehrte. Immerhin wurde deutlich, dass Provokateure in die Demonstration, die den Anlass für die polizeilichen Übergriffe darstellte, eingeschleust worden waren, um den Tatbestand Sachbeschädigung herzustellen. Im Anschluss an die Verhaftungen entstand jedoch laut Michael Popp eine Sympathiewelle in Nürnberg, wobei unter anderem der Pfarrer der Lorenzkirche aufgestanden sei und darauf hingewiesen habe, dass man Unrecht auch benennen müsse.

Angehen gegen die "Wahrnehmungsblindheit"

Der Workshopteilnehmer Professor Hermann Glaser schaltet sich an dieser Stelle ein und verweist auf einer höheren Ebene darauf, wie viele Zeitgenossen des Nationalsozialismus kleinbürgerlichbäuerlicher Herkunft entstammten und über einen sehr begrenzten Sichtkreis verfügten. Diese Personen seien Hinweisen auf den Holocaust mit dem Satz begegnet: "Unser Führer macht das nicht" - was aus ihrer Perspektive durchaus verständlich sei. Das Wissen um diese Zusammenhänge ermögliche den Spätgeborenen ein empathisches Nacherleben, das die "Wahrnehmungsblindheit" dieser Leute erkläre ohne sie zugleich zu entschuldigen.

Eine aktuelle "Wahrnehmungsblindheit" konstatiert Michael Popp mit Blick auf die unlängst erschienene Untersuchung Opa war kein Nazi. Diese berichte von einer Familiensolidarität, derzufolge "wir" nicht wollen, dass unsere Großeltern am Nationalsozialismus beteiligt waren. "Meine Oma war kein Nazi." kontert hierauf ein jugendlicher Teilnehmer, dessen Großmutter zwischen 1933 und 1945 im Ruhrgebiet lebte und der Sozialdemokratie nahestand. Sie habe ihm stets versichert, dass sie nicht wusste, was in den Konzentrationslagern im Detail vor sich ging. Allein das Verschwinden von Personen sei aufgefallen. "Ich bin stolz auf meine Oma." lautet sein persönliches Resümee aus dieser Familiengeschichte.

"Demokratie muss unterschiedliche Meinungen und Streit zulassen." In diesem Satz fasst Angela Rauscher ihr Schlussplädoyer an die Workshopteilnehmer zusammen. Eine Schülerin greift diesen Gedanken auf und führt ihn zugleich weiter, indem sie dafür wirbt, nicht nur die Vergangenheit aufzuarbeiten, sondern die Gegenwart gleichfalls in Angriff zu nehmen. Auch heute noch werde allzu oft weggeschaut, wobei sich die Zeitgenossen Verantwortung für Entwicklungen aufladen, deren Ausgang keineswegs absehbar sei. "Je mehr Leute diskutieren, umso mehr öffnen sie die Augen und Ohren der anderen." Mit diesem positiv gestimmten Stimmungsbild geht die Veranstaltung zu Ende.


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