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Berichte · Sektion B

Workshop B 3

Das Fortdauern der Diskriminierung
- Erich Schneeberger (* 1950) über sein Leben und über seine Arbeit als Vorsitzender des Landesverbands Bayern der Deutschen Sinti und Roma

(Bericht: Tanja Birkner)

Zunächst berichtete Herr Schneeberger von seinen Erfahrungen als deutscher Sinto. Wie sich im anschließenden Zwischenplenum zeigte, waren die jugendlichen TeilnehmerInnen von Herrn Schneebergers Schilderung seiner Kindheit als Angehöriger einer schwer traumatisierten Familie berührt: Beide Eltern hatten das KZ überlebt; sie waren durch die eigenen schmerzvollen Erfahrungen und die ihrer Volksgruppe so tief verwundet, dass Feiertage meist als Trauertage ausfielen.

Wie Herr Schneeberger berichtete, werden die Sinti, denen er angehört, von vielen Menschen bis heute nicht als vollgültige Glieder der deutschen Gesellschaft akzeptiert. Auch persönlich erlebt er gelegentlich verdeckte oder offene Vorbehalte und Feindseligkeiten. Dabei, so Schneeberger, leben deutsche Sinti ganz "normal". Auf sie treffen die verbreiteten Klischees von den "Landfahrern" nicht zu. Herr Schneeberger betonte, dass er einen Beruf erlernte und mit seiner Familie in Langwasser lebt. Er ist der Landesvorsitzende der Sinti und Roma in Bayern und hat sein Büro in der Nürnberger Marienstraße.

Dennoch wollten die jugendlichen ZuhörerInnen unbedingt wissen, was denn "besonders" sei an den Sinti und ihrem Leben. Was macht Ihre Ethnie aus, wenn sie sich eigentlich gar nicht von allen anderen Deutschen unterscheidet? Sprache? Aussehen? Religion? Ethnisches Gruppen-Bewusstsein? Einige TeilnehmerInnen durchbohrten Herrn Schneeberger regelrecht mit Fragen über die Identität seines Volkes. Teilweise waren diese Fragen mit Vorurteilen belastet, die noch aus der Kindheit stammten. Die Kenntnisse der TeilnehmerInnen über die Sinti und Roma waren insgesamt offenbar sehr gering. Herr Schneeberger versuchte, alle Fragen mit großer Freundlichkeit zu beantworten, manchmal war aber auch spürbar, dass die zur Sprache kommenden Vorurteile ihn emotional berührten. Er betonte, dass es auch Sinti gibt, die hellhäutiger seien als er selbst. Die Muttersprache, das Sinto, werde nicht von allen Sinti wirklich gut beherrscht und sei keine Schriftsprache. Seine Tochter gehe in einen ganz "normalen" Kindergarten. Umso unverständlicher findet Herr Schneeberger die doch gelegentlich vorkommenden Diskriminierungen.

Das große Anliegen, das Herr Schneeberger politisch vertritt, ist die uneingeschränkte Anerkennung der Sinti und Roma als von den Nationalsozialisten verfolgter Gruppe, deren Ausrottung ebenso angestrebt wurde wie die der jüdischen Bevölkerung. Sie sollten somit auch im Hinblick auf Wiedergutmachung und öffentliche Wahrnehmung den jüdischen Opfern gleichgestellt werden.

Die Diskussion im Workshop war ausgesprochen lebhaft. Die Veranstaltung lebte von den vielen interessierten Fragen der Teilnehmer, die sich zu 70% mit regen Wortmeldungen beteiligten. Im Gegensatz zu den meisten anderen Workshops nahmen an dieser Veranstaltung auch viele nichtjugendliche Besucher teil. Dennoch sorgte die Moderation dafür, dass die Diskussion von den Fragen der Jüngeren bestimmt wurde.

Eine gemeinsame sprachliche Ebene war schnell gefunden. Die Kommunikation zwischen Herrn Schneeberger und den Teilnehmern funktionierte - bis auf wenige Missverständnisse - ohne Probleme. Die Missverständnisse haben aber gezeigt, dass es für die meisten Menschen offenbar nicht leicht ist, die Identität der Sinti (über Roma wurde kaum gesprochen) zu begreifen und zu akzeptieren. Immerhin schienen am Ende der Veranstaltung alle TeilnehmerInnen motiviert, falschen Vorstellungen über die Sinti entgegenzuwirken. Der Workshop war also ein Schritt zum Abbau von Vorurteilen und zu mehr Toleranz in Deutschland. Er zeigte aber auch deutlich, wieviel Aufklärungsbedarf es noch gibt und wie schwer solche Aufklärung zuweilen zu leisten ist.


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