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Berichte · Sektion B

Workshop B 4

"Toleranz" ist ein trügerischer Wert
- Leibl Rosenberg über die Erfahrungen eines patriotischen bayerischen Juden

(Bericht von Lea Grabbe)

Herr Rosenberg hat nach kurzer Zeit die Moderation der Veranstaltung selbst übernommen und uns ganz in die Rolle der Zuhörer schlüpfen lassen. Zu Beginn konfrontierte er die Teilnehmer gleich mit einer Frage: "Hatten sie schon einmal Kontakt mit Juden?" Die Antworten waren fast durchgängig nach dem selben Muster, da viele der in diesem Workshop zahlreichen erwachsenen Teilnehmer berufsbedingt mit Menschen jüdischer Abstammung zu tun hatten. Im privaten Bereich, da waren sich auch alle einig, spielt Herkunft und Konfession keine Rolle, hier geht es um ganz persönliche Sympathien oder Antipathien.

"Juden sind da, aber praktisch nicht vorhanden"

Eine Teilnehmerin bemerkte in diesem Zusammenhang auch die oft verwendete Verknüpfung des Judentums mit dem Nationalsozialismus. Jüdisches Leben und jüdische Kultur gab es damals wie heute. Sie sollten nicht immer sofort mit dem Holocaust in Verbindung gebracht werden.

Herrn Rosenbergs These zum Thema Juden in unser Gesellschaft lautet: "Juden sind da, aber praktisch nicht vorhanden." Es gäbe in der heutigen Zeit große kulturelle Defizite, und zur Erläuterung gibt er einen kurzen geschichtlichen Abriss zur kulturellen Herkunft der deutschen Juden. Diese kamen vor 2000 Jahren als römische Legionäre und Kaufleute nach Germanien und haben sich seither in unserem Raum angesiedelt. Die Juden, welche nach Polen geflohen sind, haben ihre Sprache, das Mittelhochdeutsche, mitgenommen. Daraus hat sich schließlich das im Osten gesprochene "Jiddisch" entwickelt.

Die meisten polnischen Juden wollten deutsch lernen, schon allein um Friedrich Schiller zu lesen, meint Rosenberg, der selbst passionierter Schiller-Fan ist. Rosenberg unterstreicht seine These, dass die Juden schon immer ein großes Interesse an der deutschen Landschaft und der deutschen Sprache hatten. Selbst im "Exil" waren für viele die deutschen Kulturgüter ein wichtiger Lebensbestandteil. Herr Rosenberg erzählt von einer Familie, die er in Israel besucht hat, deren Bücherschränke voll von deutschen Büchern waren und wo es Apfelkuchen zu essen gab. "Heimat ist etwas sehr wichtiges für uns". Er selbst ist in einem jüdischen Flüchtlingslager bei Wolfratshausen aufgewachsen, seine Familie kam aus Polen. Nach der Auflösung des Lagers 1956 zogen er und seine Familie nach München wo er einen Großteil seines Lebens verbrachte.

Die nationalsozialistische "Selbstamputation"...

Herr Rosenberg bezeichnet sich heute als "bayrischen Patrioten". Dieses Heimatgefühl entwickelte er bei seinem ersten Besuch in Israel, wo er sich wie er sagt, unheimlich einsam gefühlt hatte. Er kehrte schließlich zurück in die Heimat, um hier zu leben und zu bleiben. Dieses Land ist auch sein Land, meint Rosenberg, überall ist ein Stück jüdische Geschichte in Deutschland zu finden. Die Juden haben Deutschland mitgestaltet. Deshalb lebt er bewusst hier und nicht im Exil, denn die Geschichte der Juden in Deutschland sei mehr als die Zeit von 1933 bis 1945. Deutschland hat mit dem Nationalsozialismus ein Art "Selbstamputation" vorgenommen und muss heute noch mit dem "Phantomschmerz" kämpfen.

Herr Rosenberg ist nicht nur bayrischer Patriot, sondern steht auch gerne öffentlich zu seiner jüdischen Abstammung. Es mache ihn stolz, das kulturelle Erbe des Judentums weiter zu tragen. Er gehört sehr gerne dieser Gruppe an, denn dadurch hätte "er mehr Möglichkeiten als andere." Tatsächlich? Sind die individuellen Möglichkeiten zur Persönlichkeitsentfaltung, abhängig von Religion oder Herkunft? Sind wir das was wir sind, nur deshalb weil wir einer bestimmten Gruppe angehören? Gerade in einer Gesellschaft, in der so viele Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen zusammenleben, sollte man sich, meiner Meinung nach, die Vorteile und Chancen dieser Vielfalt bewusst machen, anstatt den individuellen Patriotismus zu pflegen.

Wunsch nach wirklichem Austausch

Herr Rosenberg möchte einen aktiven Dialog zwischen deutschen Juden und anderen Deutschen aufbauen. Er braucht keine "Toleranz" und auch keine "Duldung" sondern einen wirklichen Austausch. Jeder hat die Verpflichtung, sich politisch einzubringen um eine gemeinsame Perspektive zu finden.

Große Worte klingen herüber zur Zuschauertribüne, aber wie sieht das praktisch aus? Was können wir im Einzelnen beitragen? Leider blieb keine Zeit, den "wirklichen Austausch" und "Dialog" gleich vor Ort, also innerhalb des Workshops, zu eröffnen, da der Enthusiasmus von Herrn Rosenberg uns allen eine eher passive Rolle zuordnete.


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