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Bericht · Zwischenplena

Wesentlicher Bestandteil des Erinnerungsparlaments - und Signum seines Erfolgs - waren die öffentlichen Zwischenplenen, mit denen jede Sektion von Einzelveranstaltungen schloss. Auf dem Podium agierten hier jugendliche "ChronistInnen" als Berichterstatter aus den Einzelveranstaltungen. Gefragt war nicht so sehr ein Protokoll des Diskussionsverlaufs als ein selbständig perspektiviertes Resümee und Stimmungsbild, das in der Formulierung verantwortlicher und verallgemeinerungsfähiger eigener Positionen zur Erinnerungsproblematik münden sollte.

Der Gedanke, Jugendliche in exponierter Rolle an einem gesamtgesellschaftlichen Verständigungsprozess zu beteiligen, wurde im Vorfeld nicht selten als ein ausgesprochen "anspruchsvolles" Experiment betrachtet. Insbesondere das Prinzip, die zentrale Funktion der Berichterstatter in den Zwischenplenen mit jugendlichen ChronistInnen zu besetzen, war vielen als Wagnis erschienen. Gerade hier zeigte sich jedoch deutlich, dass es Erfolg bringend sein kann, Jugendlichen auch schwierige Aufgaben zuzutrauen.

Als Moderator der Zwischenplenen konnte Professor Hermann Glaser, der ehemalige Schul- und Kulturreferent der Stadt Nürnberg und eine Kapazität auf dem Gebiet einer gesellschaftspolitisch engagierten Kulturwissenschaft, gewonnen werden. Die Moderation wurde also bewusst keinem Pädagogen, sondern einem eloquenten Wissenschaftler, der auch Vertreter der ersten Generation ist, übertragen.

Beispielhaft sei hier der Verlauf eines der insgesamt drei Zwischenplenen skizziert:

Zwischenplenum Sektion B
("Jugendliche sprechen mit Vertretern der zweiten Generation")

Wie auch nachträgliche Rückmeldungen jugendlicher TeilnehmerInnen bestätigen, waren es vor allem zwei Veranstaltungen mit Vertretern der zweiten Generation, in denen sich ein für die Jugendlichen eindrucksvoller Dialog mit den Gesprächspartnern entspann. Waren die Gespräche mit Zeitzeugen am Vormittag stark von intensivem - beeindrucktem und wertschätzendem - Zuhören geprägt gewesen, so gelang es vor allem in den Veranstaltungen mit Dirk Kuhl, Angela Rauscher und Michael Popp, eine Diskussion in Gang zu setzen, in die sich die Jugendlichen mit ihren aktuellen Anliegen und Befindlichkeiten einbringen konnten.

Im Zentrum standen dabei die Fragen der Aktualität der Vergangenheit, der Notwendigkeit des (öffentlichen) Ringens um Erinnerung sowie der Motivationen politischen Engagements im Allgemeinen. Ganz besonders im Workshop B 2 wurde deutlich, dass sich die zweite und die dritte Generation mehr zu sagen und zu geben haben, als gemeinhin unterstellt wird. Sie sei richtig froh, "solchen Erwachsenen wie Ihnen" zu begegnen, meinte eine junge Teilnehmerin schließlich an die Vertreter der zweiten Generation gerichtet.

Die Fremdheit der jüngsten Geschichte

Im Zwischenplenum berichteten die jugendlichen Chronisten und Chronistinnen zunächst über Verlauf und Ergebnisse der Gespräche in den Workshops. Die Berichterstatter aus dem Workshop mit Dirk Kuhl zeigten sich insbesondere vom persönlichen Kampf des Gesprächspartners gegen das in seiner (belasteten) Familie herrschende "große Schweigen" beeindruckt. Die Weigerung oder die Unfähigkeit der Nachkriegsgesellschaft, sich mit ihrer unmittelbaren Vergangenheit auseinander zu setzen hatte auch im Workshop B 2 eine Rolle gespielt. Im Zwischenplenum stellte sich heraus, dass Ausmaß, Qualität und persönliche Auswirkungen dieser umfassenden Erinnerungslähmung den teilnehmenden Jugendlichen bislang eigentlich nicht bewusst gewesen waren.

Nahezu genauso fern und fremd waren den Jugendlichen die emotionalen und politischen Belastungen, welche die bundesdeutsche Demokratie in den 70er- und frühen 80er-Jahren erschütterten. Symptome dieser Krisenzeit waren ebenfalls im Workshop B 2 zur Sprache gekommen - zum einen durch Angela Rauschers Bericht von den Schwierigkeiten, denen sie aufgrund des so genannten Radikalenerlasses beim Eintritt in den Staatsdienst begegnete, weil sich ihr Mann (und nicht etwa sie selbst) politisch als Kommunist engagierte, zum anderen durch Michael Popps Schilderungen der Massenverhaftungen im KOMM 1981.

Die edelste Aufgabe der Demokratie

Aus diesen historischen Strömungen und Ereignissen zogen die ChronistInnen den Schluss, dass Demokratie mehr sei als eine Frage der politischen Ordnung: Demokratie müsse vielmehr fundamental erlernt werden, alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens sollten demokratisch geprägt sein. Dem Satz, dass es die "edelste Aufgabe der Demokratie" sei, "unterschiedliche Auffassungen zuzulassen und darüber dann zu streiten", schlossen sich die ChronistInnen explizit an. Wichtig war ihnen auch der Auftrag, aus der Geschichte des Nationalsozialismus aktuelle Schlüsse zu ziehen: "Wenn wir auch nichts an unserer Geschichte ändern können, dann eben doch an dem, was heute ist." Nach der Auswirkungen der Weichenstellungen von heute auf die kommenden Generation müsse gefragt werden. Hier liege die konkrete Verantwortung der Jugendlichen.

Andauernde Formen der Blindheit?

Bewegt zeigten sich die ChronistInnen von Erich Schneebergers Schilderung seiner belasteten Kindheit in einer durch Verfolgung und KZ tief verwundeten Sinti-Familie. Auf der anderen Seite: Was der Gesprächspartner über die anhaltende Diskriminierung von Sinti und Roma gesagt hatte, wurde zwar referiert, jedoch kaum kommentiert. Dass Sinti und Roma sich zwar als Deutsche fühlen, aber dennoch als nationale Minderheit anerkannt werden wollen, konnten die Chronisten nur bedingt nachvollziehen.

Hier besteht ganz offensichtlich Bedarf an weiterer Aufklärung und Diskussion. Die anhaltende Wirksamkeit eines überkommenen monolithischen und tendenziell an kulturell-restriktiven oder sogar rassistischen Paradigmen festhaltenden Nationenbegriffs stellt ja ein generelles Problem in der deutschen Gesellschaft und Politik dar. Auf dem Erinnerungsparlament wurden diese Fragen aber leider nicht mehr weitergehend behandelt. Auch Leibl Rosenbergs Ausführungen über die Visionen und Ansprüche, die er als engagierter Jude an die deutsche Gesellschaft hat - dass nämlich ein echtes, anerkennendes Miteinander an die Stelle prekärer "Toleranz-" oder gar "Duldungs"-Haltungen trete - wurden im Plenum bedauerlicherweise eher referiert als ernsthaft aufgenommen.

Wie engagiert ist die dritten Generation?

Diese Versäumnisse waren aber weniger auf ein Desinteresse an den Positionen von "Minderheiten" zurückzuführen, sondern eher der Durchschlagskraft der Thematik des Verhältnisses zwischen der zweiten und der dritten Generation geschuldet. Hermann Glaser stellte der "Generation der Gegenwärtigen" die zweite Generation entgegen, die er überspitzend als "die Tu was-Generation" betitelte. Seine Frage an die Chronisten, ob denn das Klischee stimme, dass sich hier eine engagierte und eine politisch desinteressierte Generation gegenüberstünden, löste heftige Reaktionen und Debatten aus.

"Es gibt sie einfach, die Vertreter unserer Generation, die sich auch engagieren!", behauptete ein Chronist mit Nachdruck. Die Jugend heute habe nicht weniger Interesse, ihr Einsatz würde nur weniger beachtet als etwa jener der so genannten "68er". Es könne aber durchaus auch sein - so ein jugendlicher Teilnehmer aus dem Publikum -, dass nachlassendes Engagement auf die sichtbaren Misserfolge und die greifbare Anpassung der ehemaligen "68er" zurückzuführen sei. Unwillentlich schien ein anderer Teilnehmer Vorurteile bezüglich aktueller Haltungen wenigstens teilweise zu bestätigen, indem er darauf hinwies, dass eben alles Gute schon längst eingetroffen sei: "Wir fahren ins Ausland, wir sind offen, wir sind tolerant." Man engagiere sich nur mäßig, weil man wolle, dass alles genauso bleibe, wie es ist. Auf allgemeine Anerkennung stieß diese Schlussmeldung allerdings nicht.


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