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Forum · Erinnerungspositionen

Positionen, Perspektiven, Analysen zur Erinnerung in Deutschland

Anonymer Zeitzeugenbericht .::Zur Übersicht::.

Auf die Ankündigung des Nürnberger Erinnerungsparlaments 2002 in den Medien hin erhielten die Projektleiter einen anonymen Brief. Er enthielt die Kopie eines Schreibens, das der Verfasser offenbar schon 1994 an eine Nürnberger Zeitung gesandt hatte, - mit dem handschriftlichen Zusatz: "Zur Vermeidung von Einseitigkeit der Bericht eines anderen Zeitzeugen."

In seinem Bericht schildert der offensichtlich 1930 oder 1931 geborene Zeitzeuge seine Erfahrungen beim Kriegsende und während der unmittelbaren Nachkriegszeit. Hier wird also keine ausdrückliche Erinnerungsposition formuliert. Im Zusammenhang mit dem Anliegen des Projekts Erinnerungsparlament online scheint der Text aber dennoch bedeutungsvoll, geht der Verfasser doch offenbar davon aus, dass seine Erinnerungen nicht erwünscht sind, dass er mit seinen Erinnerungen Opfer einer Art von Diskriminierung sei.

Der Bericht endet mit folgenden Sätzen: "Es ist mir klar, daß [mein Bericht] nicht in Ihre Sammlung aufgenommen wird, denn er paßt nicht in ihr Denkschema. Ich unterschreibe auch nicht mit richtigem Namen. Ich müßte sonst damit rechnen, von Ihnen niedergemacht zu werden. Meinungsterror hat es nicht nur im Dritten Reich gegeben."

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Ich beginne mit dem 29.03.44, an dem ich als 13-Jähriger mit meiner Klasse der Wölckernoberschule wegen der zunehmenden Fliegerangriffe in ein KLV-Lager im Sudetenland abreiste. Die dortige Zeit verlief den Umständen entsprechend normal. Wegen der herannahenden russischen Front wurden wir am 17.11.44 nach Ansbach verlagert. [...] Am 04.01.45 fuhren eine Anzahl von Schülern nach Nürnberg, zur Beerdigung ihrer Mütter, Geschwister oder Großeltern, die beim Fliegerangriff auf Nürnberg am 02.01.45 umgekommen waren. Am 22.02. und 23.02.45 erfolgte je ein Tagesfliegerangriff auf Ansbach. Wir mußten jeweils anschließend bei der Evakuierung, bei Ausgrabungen, Aufräumungsarbeiten oder Krankentransporten helfen. U. a. sollten wir eine Familie in unmittelbarer Nähe des Krankenhauses abholen. Fast das gesamte Wohnhaus der Familie war nur noch ein Bombentrichter. Die Mutter, die selbst am Kopf verletzt war, brachte gerade ihren toten 10-jährigen Sohn, dem offenbar die Lunge geplatzt war. Eine zur Unkenntlichkeit zerquetschte alte Frau wurde gerade angeschleppt und neben andere tote junge und alte Zivilisten gelegt. Ein anderer Schulkamerad wurde bei Ausgrabungen mit einer zur Unkenntlichkeit verkohlten Hausgemeinschaft konfrontiert und mußte sich mehrmals übergeben.

Nach einem anschließenden nächtlichen Fußmarsch wurden wir auf Lastwagen nach Neuendettelsau transportiert. Am 27.03.45 setzte ich mich von dort ab und marschierte mit einem Kameraden u. meinem Vater nach Heilsbronn. Unterwegs wurden wir gezielt von einem Tiefflieger beschossen, konnten uns jedoch in einen Regendurchlaß retten. Von Heilsbronn fuhren wir mit dem Zug auf einem Trittbrett stehend nach Nürnberg. In Nürnberg mußte ich 3 Stunden eingepfercht in einem Zug-WC stehen, bis der Zug nach Fürth abfuhr. Dort übernachtete ich auf dem Bahnsteig. Nach einer weiteren 3.stündigen Stehplatzfahrt kam ich bei meinen Eltern an, die in einen Ort 45 km von Nürnberg entfernt evakuiert worden waren. Zum Glück wurden wir unterwegs nicht von Tieffliegern beschossen.

Einige deutsche Soldaten versuchten den Ort zu verteidigen und fielen dabei. Die einrückenden Amerikaner zerschossen zwar alle Schaufenster und durchschossen bei Hausdurchschungen die Schränke, verletzten jedoch keine Person wissentlich. [Handschriftliche Einfügung: Wie man später erfuhr, sollen doch einige erschossen worden sein.] Sie kassierten jedoch alle Armbanduhren, Fotos, Radios und Feldstecher und waren auch gegenüber anderen wertvolleren Dingen nicht abgeneigt.

Einige Zeit nach Kriegsende fuhren wir mit dem Güterzug nach Nürnberg. Unser Haus stand noch, jedoch ohne Fenster, mit schrägen Wänden, zersplitterten Möbeln, ohne Waschbecken und Kloschüssel. [...] Als wir alles gerichtet hatten, teilte uns ein Mitarbeiter der Wohnungsstelle mit, daß wir ausziehen müßten, da mein Vater Parteigenosse gewesen sei (1936). Widerspruch sei zwecklos, wir kämen sowieso in ein Lager oder Baracken. Bei Bewährung würden wir irgendwann wieder in die Gemeinschaft aufgenommen. Veranlasser des Auszugs war ein kommunistischer Parteigenosse, der damals eine gewisse Rolle spielte, seit kurzem in unserem Haus wohnte und unsere Wohnung für einen Gesinnungsgenossen brauchte, der ihm dafür alle Annehmlichkeiten des Lebens beschaffen mußte. Wir wurden zu 4 Familien (7 Erwachsene und 6 Jugendliche/Kinder, eines davon behindert), in eine Wohnung gezwängt. Wir hungerten sehr. [...]

Mein Vater wurde von einem Kollegen, der seinen Arbeitsplatz wollte, denunziert (später rehabilitiert) und entlassen. Um uns durchzubringen mußte er als Kriegsbeschädigter bei einer Größe von 1,60 m und einem Gewicht von 98 Pfund schwere körperliche Arbeit leisten. Ich hatte keine Schule. [...] Aus Raummangel, so hieß es, sollten zunächst nur die Kinder von Nichtparteigenossen den Unterricht aufnehmen dürfen. Nachdem unsere Klasse nicht zerrissen werden wollte, gaben wir uns alle als Kinder von Pg. aus, was meist sogar stimmte. [...] Mit der Zeit normalisierte sich die Lage.

Mein Bericht umfaßt nur das Wesentliche und entspricht voll der Wahrheit. Es ist mir klar, daß er nicht in Ihre Sammlung aufgenommen wird, denn er paßt nicht in ihr Denkschema. Ich unterschreibe auch nicht mit richtigem Namen. Ich müßte sonst damit rechnen, von Ihnen niedergemacht zu werden. Meinungsterror hat es nicht nur im Dritten Reich gegeben.

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