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Forum · Erinnerungspositionen

Positionen, Perspektiven, Analysen zur Erinnerung in Deutschland

Hermann Glaser (*1928) .::Zur Übersicht::.

Erinnern - ja, aber...

Die Feststellung des Philosophen Odo Marquard: "Zukunft braucht Herkunft" bekundet eine idealtypische Hoffnung: Dass nämlich der Mensch, in der Gegenwart stehend, sich des Vergangenen erinnert, um mit dieser Erbschaft der Zeit für das Kommende besser gerüstet zu sein. Das schließt aber ein, dass zum einen das Zurückliegende als Ganzes und nicht in einer der Befindlichkeit des Ich entsprechenden Auswahl wahrgenommen wird und zum anderen, dass dieses Ich daraus Folgerungen zu ziehen, also zu lernen in der Lage bzw. bereit ist. Das Gleiche gilt für Kollektive, deren Sensibilität für das Vergangene, nennen wir es nun Geschichte, sich aus der "Empfindsamkeit" vieler Individuen speist und durch das Vorbild von zeitbewussten "Eliten" (Politik, Erziehung, Wissenschaft, Kultur, Verwaltung etc.) generiert wird.

Dass Zukunft sich der Herkunft verweigert, genauer: diese ihr verweigert wird, ist freilich ein bei Individuen und Kollektiven häufig anzutreffender Vorgang. Vergessen und Verdrängen lassen sich dabei nicht scharf voneinander trennen; dazu kommt, dass häufig das, was von einem späteren objektivierten Standpunkt aus als fehlende Erinnerung erscheint, eine solche deshalb nicht ist, weil in der vergangenen Gegenwart das gar nicht wahrgenommen wurde, was man in der gegenwärtigen Gegenwart als gespeicherte Erfahrung erwartet.

Umfassende Erinnerungsarbeit kann also vielfach vom einzelnen Subjekt her gar nicht geleistet werden, weil es Vergangenes - positiv oder negativ - aussondert oder verklärt oder perhorresziert oder gar nicht aufgenommen hat. "Nachhilfe" hinsichtlich des Fehlenden ist also notwendig, bei Einzelnen zum Beispiel durch Psychoanalyse (wobei nicht nur das freudsche Verfahren gemeint ist).

In Bezug zur Geschichte des Dritten Reiches treten die hier nur angedeuteten Probleme von Erinnerungsarbeit in besonders intensiver Form in Erscheinung. Die furchtbaren Verbrechen der Nationalsozialisten waren meist nicht ostentativ, also nur mit einem ausgeprägten moralischen Sensorium erkennbar; sie waren zudem überlagert von Ideologemen, die - indem sie etwa Führer, Volk und Vaterland priesen - das Pseudo-Gute im Menschen ansprachen, was dessen Wahrnehmungsfähigkeit fürs Böse ablenkte. Die gängige Redensart, dass negative Erscheinungsformen des Nationalsozialismus eben "Begleit"- bzw. "Übergangsformen" gewesen seien, unterstellte ein im Kern Richtiges und Gewünschtes, während es sich umgekehrt verhielt: Ein ethisches Vakuum abgründiger Nichtigkeit wurde auf eine Weise verpackt, dass man es (etwa aufgrund der Ästhetisierung der Barbarei) nicht erkannte. Nicht weil die Verpackung so raffiniert war, sondern weil jahrzehntelange Fehlerziehung durch die "Stützen und Spitzen" der Gesellschaft das Volk "in Blödigkeit" zurückgelassen hatte. Diese Formulierung stammt aus einem Gedicht "Die öffentlichen Verleumder" von Gottfried Keller, der im Jahre 1848 gewissermaßen in Kürzestfassung die Mentalitätsgeschichte der Deutschen unter Hitler vorweggenommen hatte; (übrigens wurden die Strophen während des Dritten Reiches in Kreisen des Widerstandes und der Inneren Emigration hektographiert verbreitet bzw. herumgereicht, was höchst gefährlich war). Als visionäre künstlerische "Verdichtung" eines geschichtlichen Geschehens sei das Gedicht hier in Gänze zitiert:

"Ein Ungeziefer ruht
In Staub und trocknem Schlamme
Verborgen, wie die Flamme
In leichter Asche tut.
Ein Regen, Windeshauch
Erweckt das schlimme Leben,
Und aus dem Nichts erheben
Sich Seuchen, Glut und Rauch.

Aus dunkler Höhle fährt
Ein Schächer, um zu schweifen,
Nach Beuteln möcht' er greifen
Und findet bessern Wert:
Er findet einen Streit
Um nichts, ein irres Wissen,
Ein Banner, das zerrissen,
Ein Volk in Blödigkeit.

Er findet, wo er geht,
Die Leere dürft'ger Zeiten,
Da kann er schamlos schreiten,
Nun wird er ein Prophet;
Auf einen Kehricht stellt
Er seine Schelmenfüße
Und zischelt seine Grüße
In die verblüffte Welt.

Gehüllt in Niedertracht
Gleichwie in einer Wolke,
Ein Lügner vor dem Volke,
Ragt bald er groß an Macht
Mit seiner Helfer Zahl,
Die hoch und niedrigstehend,
Gelegenheit erspähend,
Sich bieten seiner Wahl.

Sie teilen aus sein Wort,
Wie einst die Gottesboten
Getan mit den fünf Broten,
Das klecket fort und fort!
Erst log allein der Hund,
Nun lügen ihrer tausend;
Und wie ein Sturm erbrausend,
So wuchert jetzt sein Pfund.

Hoch schießt empor die Saat,
Verwandelt sind die Lande,
Die Menge lebt in Schande
Und lacht der Schofeltat!
Jetzt hat sich auch erwahrt,
Was erstlich war gefunden:
Die Guten sind verschwunden,
die Schlechten stehn geschart!

Wenn einstmals diese Not
Lang wie ein Eis gebrochen,
Dann wird davon gesprochen,
Wie von dem schwarzen Tod;
Und einen Strohmann bau'n
Die Kinder auf der Heide,
Zu brennen Lust aus Leide
Und Licht aus altem Grau'n."

"Erinnerungsparlament" bedeutet, nun auf die Situation des sich erinnernden Zeitzeugen von damals bezogen, dass er mit sich selbst "diskutieren" und mit Hilfe wissenschaftlicher Instanzen (z. B. in Buchform) seine Tatsachenkenntnis überprüfen sollte - damit er evt. unvollständig oder verfälscht Erinnertes nicht mit der Aura des Dabeigewesenseins vermittelt; es gibt, in Abwandlung eines Wortes von Theodor W. Adorno, nichts Richtiges in falscher Erinnerung. Damit wird oral history nicht abgewertet, sondern nur relativiert. Die narrative Unmittelbarkeit des Zeitzeugen weckt Interesse und Neugier, nicht zuletzt die Intention, das Gehörte überprüfen zu wollen. Geschichten erzählen durchaus Geschichte, wenn diese mit Fakten und Dokumenten verschränkt werden. Das Erlebnis von Subjektivität führt zur Objektivität dann, wenn sie nicht als Wahrheit, sondern als Anstoß für Wahrheits-Findung begriffen wird. "Erinnerungsparlament" bedeutet so gesehen einen dialektischen Diskurs zwischen den sich unterschiedlich Erinnernden und den wissenschaftlich Analysierenden; das ethisch Erstrebenswerte ist mit dem geschichtlich Versäumten und schuldhaft Begangenen zu konfrontieren. Zukunft braucht Herkunft: Das Bemühen um eine bessere Zukunft bedarf eines radikalen, also bis zu den Wurzeln reichenden Ringens um die ganze Wahrheit - ein "Kampf", der nicht zuletzt auch gegen das eigene Ich zu führen ist, das sich oft genug aus Bequemlichkeit oder Scham oder Schuld eben dieser versagt.

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