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Forum · Erinnerungspositionen

Positionen, Perspektiven, Analysen zur Erinnerung in Deutschland

Rita Grillmeyer (*1938) .::Zur Übersicht::.

Kommunionsausflug nach Flossenbürg 1947

Kindheitserinnerungen in den Kriegs- und Nachkriegsjahren...

An einen Fliegerangriff kann ich mich noch gut erinnern. Wir hatten vom Haus gegenüber einen großen Hang und da hinein war ein breiter, langer Felsenkeller gehauen und diente einer ortsansässigen Brauerei als Bierlagerkeller. Für uns Kinder war dies ein grusliger Ort da er finster, kalt und feucht war. Bei einem nächtlichen Fliegerangriff, damals wurden ja im Umkreis manche Dörfer durch Bomben zerstört, hatte sich die ganze Nachbarschaft dort versammelt und den Fliegerangriff bis zur Entwarnung abgewartet.

An meine Erstkommunion im April 1947 erinnere ich mich noch ganz genau. Für die Kommunionkerze mußte meine Mutter Bienenwachs in das Geschäft mitbringen. Wir hatten damals einige Bienenvölker und die gebrauchten Waben wurden immer eingeschmolzen. Der Kerzenschmuck und das Kränzchen fürs Haar waren aus Papier. Meine Mutter mußte damals mit dem Bus nach Tirschenreuth fahren und dann mit dem Zug nach Wiesau in ein Geschäft, eine Tagesfahrt. Sie war ganz durcheinander als sie heimkam und nur immerzu von den vielen Leuten, Flüchtlinge mit Kindern, am Bahnhof, erzählt. Tagelang brachte sie diese Bilder nicht aus sich.

Zum Kuchenbacken wurden wochenlang, Eier und Butter gespart um etwas zu backen. In der Nachbarschaft wurden dann Kuchenpakete ausgeteilt und man bekam dafür ein kleines Heiligenbild, wie man sie in Kirchenbücher einlegte, mit Widmung, Geld oder Geschenke gab es ja nicht. Am Vorabend des Erstkommuniontages bekam ich abends 2 Spiegeleier zu essen, das war schon eine Ausnahme, damit ich am anderen Tage den Hunger aushalten konnte, denn damals mußte man vor dem Kommunionempfang nüchtern sein. Einen Fotografen gab es damals noch nicht, auch keine Gruppenfotos. Der Mesner hatte einen Fotoapparat und hat einzeln fotografiert. Mehr gab es nicht.

Den Ausflug am Montag machten wir zum KZ in Flossenbürg. Ob mit Autos, das weiß ich nicht mehr, vielleicht auch zu Fuß, denn von Plößberg nach Flossenbürg sind es durch den Wald ja nur einige Kilometer. In der KZ-Anlage war ja damals noch nichts verändert und es war schon unheimlich und schaurig dort. Die Mauer an der die Häftlinge erschossen wurden. Der Brennofen, es war noch Asche drin, ich erinnere mich an einen Raum, da waren 2 weiße Marmortische drin und man erzählte uns, dort wurden die Häftlinge "behandelt". Ein Rundbau war innen mit großem Schotter ausgelegt und von der Decke hing ein Gestell mit einzelnen Seilen nach unten, damit mußten die Häftlinge rundum laufen um etwas in Bewegung zu setzen. Einen großen Berg Schuhe, lang, breit und hoch, nur Schuhe von Kinderschuhen bis Großen. Wir Kinder standen lange vor diesem Schuhberg. Wenn der Wind von Osten kam war in Plößberg deutlich der Geruch vom Verbrennungsofen in der Luft.

Es kamen auch etliche Häftlinge, denen die Flucht gelungen war, zum Betteln nach Nahrung. Meine Mutter gab immer von dem Wenigen was wir aus der Landwirtschaft hatten und sagte dabei, dann werden unsere Lieben, mein Vater und ältester Bruder waren im Krieg, sicher auch gute Leute finden die ihnen etwas zu Essen geben. Meistens kamen sie von der Waldseite im Dunkeln.

An eine Gruppe junger Männer kann ich mich erinnern. Wir hatten gerade Holz zum Hacken im Hof und Mutter hatte nur Milch im Haus von unseren 2 Kühen und sie kochte ihnen einen großen Suppentopf voll mit Pudding. Sie hackten in der Zwischenzeit Holz und saßen dann alle um den Topf und aßen zusammen. Ein anderer kam mit seinem Essensgeschirr und Mutter zeigte auf den Milcheimer und er nickte. Mutter erzählte immer wieder wie er den ganzen Weg lang lachend in sein volles Geschirr blickte.

Mein Bruder, der mit 17 Jahren in den Krieg mußte, kam kurz vor Kriegsende mit einem Kameraden nachts nach Hause. Sie waren geflohen, nachts gelaufen und tagsüber im Wald oder Heustadeln geschlafen. Sein Kamerad hat sich lange bei uns versteckt und nach Kriegsende fort und wir haben nie wieder etwas von ihm gehört.

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