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Forum · Erinnerungspositionen

Positionen, Perspektiven, Analysen zur Erinnerung in Deutschland

Dirk Kuhl (* 1940) .::Zur Übersicht::.

Erinnern und deuten...

Tiere erinnern sich auch, aber ob sie das Erinnerte deuten und ob das dann ihr Wesen verändert, wissen wir nicht. Uns jedenfalls machen diese Prozesse, individuell und kollektiv, zu dem, was wir sind. Dem entgegen steht das Vergessen. Aktives Vergessen-Wollen ist Verdrängen...

Konkret: Als Kind eines Vaters, der aktiv an den Verbrechen während der Naziherrschaft beteiligt war, gab es mit zunehmendem Erwachsenwerden Erinnerungen und Erinnerungshilfen - auch solche, die nicht erhellen, sondern eher verdecken sollten. Mein eigenes Erinnern und das Finden von Erinnerungsanlässen (Dokumente, Fotos etc.) nährten den Verdacht, dass - innerhalb der Familie und kollektiv - Erinnerung entweder vermieden oder manipuliert werden sollte.

Meine Suche nach Spuren der Wahrheit (besser: Fakten) stieß überall an Grenzen. So folgte als bewusster Entschluss erst einmal, auf persönlicher Ebene Verdrängung zu üben. Das galt nicht politisch. Unser Leben war wichtig. Die Alten hatten ihren Kredit verspielt.

Die Zeiten änderten sich; Dokumente, Bücher, Filme, historische Quellen tauchten auf. Auch Freunde und Lebenspartner erinnerten sich. Die verdrängte Vergangenheit wirkte in vielen Zeichen: offiziell z. B. in Gesetzen und Lehrplänen, persönlich im Schweigen an bestimmten Stellen oder in Reaktionen auf bestimmte autoritäre Töne in Reden oder Auseinandersetzungen mit der Vätergeneration. Manche Äußerungen in den Medien signalisierten: Auch andere suchten Wahrheiten, wiesen Verdrängung zurück. Ich war nicht mehr allein.

Die Suche nach Fakten war schmerzhaft, aber auch befreiend. Sicher, es war alles schlimmer, grauenhafter, tückischer als vermutet: die Gestapo, die Lügen, die Räubereien, die Lager und Verfolgungen. Aber die Schatten verloren sich, bekamen Namen und diese wiederum Inhalte. Erinnerung machte und macht letztlich frei! Die Vergangenheit kann mich nicht mehr hinterrücks anfallen, und auch niemand, der mich durch Instrumentalisierung der Vergangenheit schwächen will, kann damit Erfolg haben.

Die Zeit der Verdrängung war angebracht, als die Schranken hoch waren. Diese Zeit diente dazu, Kraft zu sammeln, ins Leben zu finden, sodass es bei der Verdrängung nicht blieb.

Erinnern schafft Sicherheit.

Der Vater des Autors wurde 1948 von der britischen Militärregierung wegen seiner Taten als Gestapo-Offizier und SS-Obersturmbannführer zum Tod verurteilt und hingerichtet. Dirk Kuhl hat sich intensiv mit seinem Vater und mit der Geschichte auseinander gesetzt, auch in der Öffentlichkeit. 2002 gehörte er zu den Teilnehmern des Nürnberger Erinnerungsparlaments.
Hier geht es zum Bericht über den betreffenden Workshop.

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