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Positionen, Perspektiven, Analysen zur Erinnerung in Deutschland

Der Bann ist gebrochen?
- Geschichte und Gegenwart der deutschen Erinnerung an den Nationalsozialismus

von Matthias Weiß

(Vortrag zur Eröffnung des Nürnberger Erinnerungsparlaments am 25. 10. 2002)

1.

In großen Gesellschaften, gar wenn sie viele Millionen Menschen umfassen, gibt es zu fast allen Themen unterschiedliche Auffassungen, die auf unterschiedlichen Interessen, Erfahrungen und Einsichten beruhen. Damit solche unterschiedlichen Auffassungen über diejenigen Dinge, die jeden angehen und betreffen, sichtbar werden und gegeneinander abgewogen werden können, gibt es in unserer Gesellschaft eine besondere Institution: die Talkshow.

Während sich bei den Christiansens und Illners Minister, Fraktionsvorsitzende und Experten bemühen, werden die Themen, bei denen der emotionale Gehalt höher zu liegen verspricht, bei den Kerners und Beckmanns behandelt. Da kann es dann passieren, dass sich die Tochter Amon Göths, des sadistischen Lagerkommandanten von P_aszow, und Michel Friedmann, dessen Angehörige in solchen Lagern ermordet wurden, in einem Fernsehstudio darüber austauschen, wie in Täter- und in Opferfamilien jeweils über die Vergangenheit gesprochen wurde.

Vor einigen Tagen gab es wieder eine Runde, diesmal bei Kerner, die einem wahrhaft den Atem verschlagen konnte, wenn man die Ereignisse von 1977 in diesem Lande noch vor Augen hat. [Vielleicht haben Sie das ja auch gesehen] Kerner hatte es geschafft, eine Gesprächsrunde zusammenzustellen, die aus dem damaligen Justizminister Hans-Jochen Vogel, dem damaligen Innenminister Gerhart R. Baum sowie aus Peter-Jürgen Boock bestand, einem jener RAF-Mitglieder, die unter anderem für die Entführung und Ermordung des damaligen Präsidenten der Arbeitgeberverbände, Hanns Martin Schleyer, verantwortlich waren.

Vor allem Hans Jochen Vogel war anzumerken, wie schwer es ihm fiel, mit dem ehemaligen RAF-Mitglied in einer Fernsehplauder-Runde zusammenzusitzen. Doch Vogel war, das sagte er, nicht unbeeindruckt geblieben von der Weise, mit der Boock mit seiner Schuld umging. Der nämlich zeigte sich bereit, in einer distanzierten Weise über seine früheren Motive und Taten Auskunft zu geben, ohne dabei um nachträgliches Verständnis zu bitten. Und er sagte einen Satz, der uns direkt zum Thema unserer heutigen Veranstaltung führt. Gerade wir, so Boock, die wir von unseren Eltern mit viel Härte und großem moralischen Anspruch Auskunft verlangt hatten über deren Taten, Verstrickungen und Unterlassungen in der NS-Zeit, waren selbst innerlich total verroht.

***

Die Mitglieder der RAF waren der Extrem- nicht der Normalfall einer Generation, die auf das unerbittliche Schweigen ihrer Eltern reagierte. Aus der Unfähigkeit der meisten deutschen Zeitgenossen des "Dritten Reiches", glaubhaft Trauer oder Reue zu empfinden, aus ihrem - in der Sicht ihrer Kinder - doppelten Versagen, bezogen diese einen gewaltigen moralischen Impuls, der sie einem Staat, der allzu pragmatisch mit der NS-Vergangenheit umging, entfremdete. Die Tatsache, dass die frühe Bundesrepublik ihre schnell erreichte Stabilität auch dadurch gefunden hatte, dass sie ein selbst für schwer belastete "Volksgenossen" äußerst mildes Integrationsklima geschaffen hatte und in nahezu allen gesellschaftlichen Funktionsbereichen bereitwillig Männer und Frauen aufnahm, die ihre Profession in der NS-Zeit erlernt und ausgeübt hatten, verleitete freilich viele von den jüngeren nun zu der verharmlosenden Auffassung, Kapitalismus und Faschismus seien nur unterschiedliche Abstufungen derselben Form von Verblendung.

Die damaligen Ereignisse an den Universitäten und auf der Straße, aber auch in Mogadishu und Stammheim führten dazu, dass auch im Parlament, im Bundestag, über die Grundlagen der bundesdeutschen Nachkriegsdemokratie gestritten wurde. Für den Sprecher der Opposition, Alfred Dregger, war der Terrorismus nicht zuletzt die Folge einer "falschen Vergangenheitsbewältigung". Sich und seinen Landsleuten empfahl Dregger:

Wir, die wir für die Gegenwart und die Zukunft der Bundesrepublik Deutschland verantwortlich sind, müssen uns aus dem Schatten Hitlers lösen. Weder die Kopie Hitlers [...] noch das Gegenbild Hitlers können Maßstab unseres Handelns sein. Wir müssen uns an Erfahrungen orientieren, die über Hitler hinausweisen und an Grundwerten, die Hitler zwar mißbrauchen, aber nicht außer Kraft setzen konnte [...].

Im Grunde fasste der CDU-Mann hier noch einmal zusammen, was für die ersten zwanzig Jahre des regierungsamtlichen Umgangs mit der NS-Vergangenheit in der Bundesrepublik kennzeichnend war. Dregger rüttelte nicht an der offiziellen Absage an den Nazismus. Es ging ihm um die Rettung bestimmter gemeinschaftsstiftender Werte, die er hoffte, aus dem Nachdenken über die NS-Zeit heraushalten zu können. Für Dregger war es das noch nicht wiedergefundene nationale Gleichgewicht, die - wie er es empfand - durch die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit normativ unangemessen aufgeladene Besetzung der deutschen Geschichte, die die Grundlage für neuen Extremismus schuf. In einem Weltbild, das die Auszehrung traditionaler Werte als das hervorragende Kennzeichen der Moderne sah, wurden Nationalsozialismus und RAF-Terrorismus zu verwandten Blüten auf einem gemeinsamen, fauligen Nährboden.

Die Gegenposition der Regierung vertrat Willy Brandt, unter dessen Kanzlerschaft 1970 zu ersten Mal im Parlament eine eigentliche Gedenkveranstaltung zur NS-Zeit stattgefunden hatte. Auch Brandt bezeichnete den Terrorismus als "faschistisch", wohl um erwarteten Argumenten vorzubeugen, es bestünde ein ideologischer Zusammenhang zur demokratischen Linken. Aber anders als Dregger sah Brandt in seinem Projekt einer noch weiter voranzutreibenden Demokratisierung der bundesdeutschen Gesellschaft das Mittel, dem Terrorismus den Boden zu entziehen.

1977 zeigte sich einmal mehr, dass der Umgang der deutschen Gesellschaft mit ihrer Vergangenheit keine folgenlose Angelegenheit war, der sie sich stellen konnte oder auch nicht, der man sich hätte widmen können, wenn alle anderen Probleme gelöst waren. Entgegen den Vorstellungen Dreggers, der die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit am liebsten als irrelevant für die Selbstauffassung der Bundesrepublik erklärt hätte, erwies sich außerdem und nicht zum letzten Male, daß, wann immer in der Bundesrepublik ein Thema behandelt wurde, das die Vorstellung vom eigenen Gesellschaftsentwurf berührte, dies mit einer Interpretation der NS-Zeit einher ging.

Es zeigte sich ferner - und dies betraf alle Parteien -, dass die parlamentarische Behandlung dieses Themas bis dahin gar nicht anders als auch immer im Rahmen konkreter politischer Absichten erfolgen konnte. Eine eigenständige Erinnerungskultur, die - getragen von breiten Kreisen der Bevölkerung und unterstützt von den politischen Eliten -, eigene Maßstäbe des angemessenen Umgangs mit der NS-Zeit hätte entwickeln können, gab es in der Bundesrepublik noch gar nicht. Außerhalb des Parlamentes beschäftigte sich in jener Zeit die Mehrheit der Deutschen mit der sogenannten "Hitler-Welle". Filmen, Memoiren und Zeitschriften-Reihen, die noch einmal die Auffassung bestärkten, der "Führer" und seine engsten Mitarbeiter seien für alles, was damals in Deutschland "schiefgelaufen" war, allein verantwortlich gewesen; die aber zugleich auch schon das Bedürfnis bedienten, jenseits totalitarismustheoretischer oder ökonomischer Theorien der Faszination nachzugehen, die dieses System auf größte Teile der deutschen Bevölkerung ausgeübt hatte.

Hatten deutsche Politiker bis dahin immer mal wieder das Ende der Nachkriegszeit mit allen erinnerungspolitischen Konsequenzen verkündet, so zeigte sich nun einmal mehr, dass sie eine solche Entscheidung gar nicht in ihren Händen hielten. Zwei Jahre nach dem "deutschen Herbst" war es die amerikanische Fernseh-Serie "Holocaust", die dazu beitrug, dass sich erstmals größere Teile der deutschen Bevölkerung anteilnehmend mit dem Schicksal einer - wenn auch fiktiven - "jüdischen" Familie in der NS-Zeit beschäftigten. Wieder zeigte sich, dass die NS-Zeit keineswegs Geschichte war. Im Gegenteil: Nun, als die Generation derjenigen, die das "Dritte Reich" miterlebt und mitgetragen hatte, aus den tragenden Funktionen des Landes allmählich zurücktrat, sollten die öffentlichen Debatten und Auseinandersetzungen über den angemessenen Umgang mit dieser Vergangenheit eigentlich erst beginnen. "Ein Damm ist gebrochen. Man kann über die schrecklichen Dinge bis in die Schuld- und Mitschuldfrage [...] endlich miteinander sprechen", so resummierte Eugen Kogon damals die unerwartete Reaktion der Deutschen auf das TV-Ereignis. Doch folgten in den achtziger Jahren auch die Reaktionen auf die Reaktion. Je mehr sich nämlich in den folgenden Jahren zeigte, dass die NS-Vergangenheit nicht einfach verging, weil die Zeit verstrich, je mehr dabei die einzigartigen Verbrechen, für die man nun endlich auch einen Begriff hatte, sowie die Leiden der Opfer ins Zentrum der öffentlichen Erinnerung rückte, desto deutlicher fielen auch die Versuche aus, zu falschen Versöhnungen und vorschnell erklärter Unbefangenheit zu gelangen.

Die Kohl-Ära zeichnete sich vor allem in ihrer ersten Hälfte durch eine eigentümliche Arbeitsteilung staatlicher Vergangenheitspräsentation aus: Während der Kanzler nationalen Bedürfnissen nach offenbar voraussetzungsloser Gleich-Anerkennung aller, deutscher wie nichtdeutscher Opfer der NS-Zeit nachkam, passte sein Parteikollege im Präsidialamt die kollektive deutsche Erinnerung an die NS-Zeit in eine Erzählung ein, die universelle Gültigkeit beanspruchen konnte und der bleibenden Auseinandersetzung mit den von Deutschen verübten Verbrechen zu ihrer Anerkennung gerade auch im Land der Täter verhalf.

Zeitgleich mit der Wiedervereinigung setzte eine jüngste Phase des Umgangs mit dem NS-Erbe ein, die wiederum nicht von Deutschland ausging, diesmal auch gar nicht ausgehen konnte. Der Holocaust wurde international und universell. Er wurde in vielen Ländern Europas zum Gegenstand schwieriger Revisionen nationaler Mythen. Er wurde - vor allem von den Erinnerungsdiskursen in den USA ausgehend, aber auch in den Diskussionen um eine europäische Verfassung - zu einer Art Menschheitsgleichnis, zu einem absoluten moralischen Negativmaßstab für die interkulturelle Orientierung in einer säkularen westlichen Welt.

Wie die endlich angelaufene Entschädigung der Zwangsarbeiter und die immerhin fest geplante Errichtung eines zentralen Holocaust-Denkmals in der deutschen Hauptstadt zu belegen scheinen, widerstand auch das wiedervereinigte Deutschland bisher der Versuchung, diese Abstrahierung der eigenen Geschichte für ein erneutes Kapitel in der Geschichte der Schlußstriche zu nutzen. Das ist ganz zweifellos zu begrüßen. Dennoch kann man sich zuweilen des Eindrucks nicht ganz erwehren, dass man in Berlin und anderswo auch schnell begriffen hatte, dass sich aus dem Zusammentreffen einer respektablen deutschen Erinnerungskultur und der angedeuteten internationalen Tendenzen auch entlastendes Kapital für die neue Bundesrepublik schlagen ließ. Gerhard Schröder, so hat Franziska Augstein unlängst festgehalten, repräsentiere glaubhafter als alle seine Vorgänger nachkriegsdeutsche Normalität, weil er mit der Geschichte im Grunde überhaupt kein Problem mehr habe. Nicht ohne Stirnrunzeln zitiert sie den Kanzler, der über das Denkmal für die ermordeten Juden die vergangenheitspolitisch durchaus korrekt gemeinten Worte gesagt habe, das solle ein Ort werden, "wo die Leute gern hingingen".

2.

Wer heute als Deutscher - sagen wir - 12, 15 oder 20 ist, erbt von seinen Vorfahren eine ganze Menge. Von den Erziehungsinstanzen unseres Landes wird er dazu angehalten, sich ein eigenes Urteil zu bilden und nicht von bestehenden Autoritäten vorschreiben zu lassen, wie über bestimmte Dinge zu denken und zu empfinden ist. Wenn sich die 12-, 15- oder 20jährigen ein eigenes Bild über die NS-Zeit verschaffen möchten, treffen sie mit ihren Erinnerungsbedürfnissen auf eine fest etablierte öffentliche Erinnerungskultur, die von vielen inzwischen als eine Art deutsches Erfolgsmodell betrachtet wird. Gleichzeitig - ich habe es angedeutet - gehen ambivalente Signale von dieser "Kultur" aus. Jugendliche in Deutschland - so glaube ich - haben es heute zugleich schwerer und leichter, als die Generationen davor, zu einer eigenen Form der Erinnerung zu kommen.

Ich möchte dies im Folgenden an zwei Punkten näher ausführen:

(1) Der Konkurrenz von offiziellem Erinnerungsdiskurs und der in deutschen Familien tradierten Erinnerungen.

(2) Der Frage, inwiefern Gedächtnisse Ausdruck bestimmter generationeller Bedürfnisse sind.

Zu (1): Das widerspenstige Familiengedächtnis

Die Erinnerung an Ereignisse, von denen immer weniger Menschen authentisch berichten können, nimmt heute ganz verschiedenen Wege und folgt dabei oft den inneren Logiken der einzelnen Übertragungswege. Ganz besonders deutlich wird dies bei dem Jugendlichen, der nach einem Besuch der Gedenkstätte in Dachau lapidar feststellte, "Schindlers Liste" sei besser gewesen.

Ich möchte mich hier mit dem Familiengedächtnis auseinandersetzen, dessen Besonderheit nicht nur darin besteht, dass es bereits zu einem frühen Zeitpunkt im Leben eines Menschen prägende Kraft entfalten kann, sondern auch, dass es - ganz im Gegensatz zu den lange Jahre erfolgten pädagogischen Praktiken - in hohem Maße mit emotionalen Plausibilitäten arbeitet.

Mit der Verfertigung der Vergangenheit im Familiengespräch hat sich vor allem eine Gruppe von Wissenschaftlern um den Essener Sozialpsychologen Harald Welzer beschäftigt, auf deren Ergebnisse sich meine folgenden Ausführungen stützen. Methodisch gingen sie dabei so vor, dass sie Gespräche über die NS-Zeit, an denen mehrere Generationen einer Familie teilnahmen, akribisch aufzeichneten - und anschließend in Einzelinterviews "nachprüften", was jeweils davon angekommen war. Es geht hier also vor allem um die Tradierung subjektiven Erlebens von den belasteten Zeitgenossen des "Dritten Reiches" zu ihren Töchtern und Söhnen und dann zur Enkel- und Urenkelgeneration.

Wie kaum überraschen konnte, bestätigten die Untersuchungen, dass die Erzählungen der Zeitzeugen gegenüber ihren Kindern und Enkeln oft bestimmte Auslassungen, Widersprüche und Färbungen erhielten. Es wäre jedoch zu einfach, nur von Verharmlosungen zu sprechen. Tatsächlich weisen diese Erzählungen in großem Maße Reflexe auf Anforderungen auf, von denen die Sprecher annahmen, dass sie zu den akzeptierten Standards des Sprechens über die Zeit des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik gehören. Sie enthalten nicht zuletzt Deutungsmuster, die ganz offensichtlich nicht selbst erlebten Zusammenhängen entnommen waren, sondern etwa gelesenen Biographien oder Spielfilmen.

Während also schon die Ausgangserzählungen in Hinblick auf ihre Akzeptanz hin "bearbeitet" waren [und dies ist nicht unbedingt ein gänzlich bewußt herbeigeführtes Ergebnis], lautete eines der interessantesten Ergebnisse der Untersuchung, dass auch die anderen am Gespräch beteiligten Generationen nicht einfach die "Originalerzählung" ihrer Vorfahren übernahmen, sondern höchst kreativ in das Familiengedächtnis eingriffen. Auch die Enkel und Urenkel in deutschen Familien erleben nämlich die Diskrepanz, die sich zwischen den Haltungen zur NS-Vergangenheit ergibt, die sie aus der Schule, den Medien und der offiziellen Erinnerungskultur mitbringen und dem, was sie aus den eigentümlich aus Erfahrungen, Revisionen, Einwänden, Affirmationen und oftmals erratischen Blöcken zusammengebastelten Erlebnis-Erzählungen zu Hause entnehmen können.

Paradoxerweise wirkt sich dies in aller Regel so aus, dass die durchaus vorhandenen kritischen Filter der Jüngeren genau deshalb überraschend mühelos passiert werden, weil nahezu alle der interviewten Zeitzeugen sich wie selbstverständlich vom Nationalsozialismus und erst recht von "den Nazis" distanzieren und sich mit diesem Bekenntnis die anstandslose Eintrittskarte in die Normenwelt ihrer Enkel verschaffen. Bestimmte Erzähltypen erwiesen sich dann als besonders geeignet, Einfühlung und Identifikation zwischen Erzählern und Zuhörern herzustellen. Als besonders "effektiv" zeigte sich dabei die keineswegs immer voll bewusste Übernahme von Elementen der jüdischen Opfergeschichte auf die eigene Familiengeschichte.

War eine solche Verständigungsgrundlage erst einmal hergestellt, konnten die Erzähler dann jedoch um so unsanktionierter ins "Schwärmen" geraten oder doch zumindest mit großer innerer und äußerer Beteiligung erfahrungsgesättigte Episoden aus jener Zeit vortragen. Die Erlebnisse in den Zeltlagern der Hitlerjugend, die faszinierenden KdF-Fahrten, die stimmungsvollen Fackelmärsche und stimmungshebenden Lieder, nicht zuletzt aber die als außergewöhnlich erlebte Solidarität in gemeinsam durchlittenen Notzeiten - all dies schien nun auf der Ebene subjektiven Empfinden ganz von der Ideologie, in deren Rahmen es sich vollzog, getrennt. Gerade den Enkeln, die von ihren 68er-Lehrern den allgemeinen Verblendungszusammenhang ins Handgepäck der Lebensbewältigung mitbekommen hatten, erscheint offenbar die strikte Trennung von subjektiv-emotionaler Erzählung und moralischer Reflexion als Ausweis von Authentizität und Glaubwürdigkeit.

Das hält die Enkel, so Welzer, freilich nicht davon ab, das Familiengedächtnis ihrerseits ihren Bedürfnissen anzupassen und aus den Erzählungen ihrer Großeltern "auch dann Widerstands- und Heldenlegenden" zu machen, wenn diese selbst ganz anderes berichtet hatten. Auf dem Wege dieser "stillen Post" zwischen den Generationen werden dann nicht selten aus Antisemiten Judenbeschützer und aus Gestapo-Beamten Widerstandskämpfer. Selbst da, wo der Großvater von eigenhändigen Erschießungen an Kriegsgefangenen erzählte, wird darauf bei der Enkelin umstandslos eine Geschichte, die der Opa nur vom Hörensagen wiedergab. Auch für diese - wie die Wissenschaftler sagen - "kumulative Heroisierung" (anwachsende Verklärung) scheint die Tatsache bedeutsam, dass die Enkel im Prinzip genau wissen, dass der Nationalsozialismus ein grundlegend verbrecherisches System war. Aber eben dies steigert das Bedürfnis, den eigenen Opa, die eigene Oma aus diesem düsteren Szenario herauszuhalten.

Gelingt dies im Rahmen einer Familiengeschichte, dann führt dies freilich oft genug dazu, dass jede Menge "volksgemeinschaftlicher" Vorstellungen als vermeindliche Gewissheiten in die Gegenwart transportiert werden, etwa bestimmte Bilder von "dem Polen", "dem Russen", "dem Amerikaner". Ein festgelegtes Personal mit klar festgelegten Funktionen bevölkert solche Familienüberlieferungen: Stets mit einem übermächtigen Schicksal ringende Familienmitglieder kommen darin vor, dumme Nazi-Ortsgruppenleiter, vergewaltigende Russen heldenhafte, aber hinters Licht geführte deutsche Soldaten, unpolitische HJ- oder BDM-Führer/innen, denunzierende Nachbarn und "ausgereiste" bzw. "versteckte" Juden.

Erst die selten reflektierte, stille Wirksamkeit solcher anschaulichen Erzählungen, erklärt nach Welzer, warum bestimmte Menschenbilder und ideologische Versatzstücke auch fünfzig Jahre nach dem Zusammenbruch des "Dritten Reiches" noch immer Anklang bei Jugendlichen finden und Empathie mit den Opfern der NS-Verbrechen noch immer so oft verhindere.

Zu (2): Clash of Generations

In den gedächtnispolitischen Auseinandersetzungen der achtziger und neunziger Jahre ging es im Kern stets um den Stellenwert der NS-Verbrechen und ihrer Opfer im öffentlichen Gedächtnis. Im nachhinein lässt sich erkennen, dass dies auch eine Reaktion auf die Tatsache war, dass diese Erinnerung einen immer breiteren Platz in der politischen Kultur der Bundesrepublik einnahm, ein Umstand, der bekanntermaßen zu allerlei abenteuerlichen Verschwörungs- und Instrumentalisierungtheorien Anlaß gab.

Richtig ist zweifellos, dass diese mehr und mehr sich institutionalisierende Form der Erinnerung sich nicht von alleine einstellte. Während in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik hauptsächlich die Überlebenden der Lager selbst und einzelne kritische Zeitgenossen für eine öffentliche Erinnerung der Verbrechen eintraten, die Deutsche begangen hatten - und sich dafür in schlimmster Tradition oft genug als "Nestbeschmutzer" bezeichnen lassen mußten - so waren es vor allem die Vertreter der Jahrgänge zwischen 1940 und 1960 (mithin die "68er"), die die Umgestaltung der politischen Kultur in der Bundesrepublik und damit auch des Umgangs mit der Vergangenheit zu ihrem Generationen-Projekt machten. Im Rahmen oft existentieller Auseinandersetzungen zwischen Eltern und Kindern, bei denen die einen sich auf "Notwendigkeit" und "Pflicht", die anderen aber auf "Moral" beriefen, wurden die selbst nicht belasteten Töchter und Söhne der sogenannten "Erlebnis-Generation" zu den eigentlichen Trägern einer breit angelegten Gedenkstättenkultur, die freilich erst in den achtziger Jahren zu breiter Entfaltung kommen konnte.

Es scheint nun so zu sein, dass gerade der betont aufklärerische und pädagogische Duktus, mit dem diese Generation ihr eigenes vergangenheitspolitisches Engagement verband, einer selbstverständlichen Auf- und Annahme der Erinnerung bei den folgenden Generationen eher hinderlich ist.

Bernhard Schlink, selbst Jahrgang '45 und Autor eines vielbeacheten Romanes über den subjektiven Umgang mit Schuld aus der NS-Zeit, hat - für meinen Geschmack fast ein bißchen zu bereitwillig - den jüngeren Deutschen zugebilligt, dass der leichtfertige bis zynische Ton, mit dem sie sich zuweilen der NS-Zeit nähern, gerade aus dem moralischen Pathos zu erklären sei, mit dem die eigene Generation diese Vergangenheit für politische und pädagogische Zwecke in Beschlag genommen habe.

Natürlich ist die Auffassung, die "volkspädagogische" Vereinnahmung der jüngeren deutschen Geschichte blockiere ein wahres Verständnis der historischen Zusammenhänge, gar nicht neu. Nun aber wird sie zum ersten Mal von Deutschen geäußert, denen aufgrund ihres Alters und ihres vergangenheitspolitischen Engagements nicht unterstellt werden kann, sie betrieben mehr oder weniger heimlich das Geschäft der Apologie. Detlef Garbe, Leiter der Gedenkstätte im ehemaligen Konzentrationslager Neuengamme, fragt aus der pädagogischen Praxis heraus, ob die Anstrengungen, die Stätten des Terrors im Lande der Täter sichtbar zu erhalten, für die nachfolgenden Generationen mehr sein könne, als lediglich die "Erinnerungstempel" einer "Aufarbeitungsgeneration", der es darum zu tun war, die Schuld der Eltern und die eigene Scham über deren ausgebliebene Trauerarbeit abzuarbeiten. Und er fragt weiter, ob die exponierte Stellung, die die unvorstellbaren Verbrechen mittlerweile weithin unbestritten in dieser Erinnerungslandschaft einnehmen, nicht gegen die pädagogische Grundeinsicht verstieße, dass jede Vermittlung bei der Erfahrungswelt der Kinder und Jugendlichen selbst anzusetzen habe.

Herbert Hötte, ein in Neuengamme tätiger Pädagoge, argumentiert ganz ähnlich. Er sorgt sich darum, dass nach einer über Jahre fast von alleine sich einstellenden Betroffenheit nun die Betonung des Grauens und Terrors, aber auch die Mahnung zur Besinnung Fremdheit erzeuge, die einer ungewollten Faszination oder aber einer ebenso ungewollten Teilnahmslosigkeit den Weg bereitet.

Ähnliche Überlegungen muss heute wohl nahezu jeder Geschichtslehrer in diesem Land anstellen. Tatsächlich gibt es aber auch Gegentrends. Wie die Rezeption von "Schindlers Liste" und auch des Goldhagen-Buches gerade unter den jüngeren Deutschen zeigte, kann von einer allgemeinen Vergangenheitsverdrossenheit keine Rede sein. Es scheint vielmehr viel von dem Wie und Was der Erinnerung abzuhängen. Beide, Spielberg und Goldhagen, hatten neue Wege der Präsentation beschritten, die offenbar gerade auch in Deutschland Anklang fanden. Spielberg, indem er die Grausamkeiten, die von Deutschen an Juden verübt wurden, nicht isoliert zeigte, sondern zugleich auch ein intensives Gefühl dafür vermittelte, was an jüdischem Leben damit eigentlich zerstört wurde. Goldhagen, indem er das Bild vom NS-Terror als einer kalten industriellen und von Bürokraten betriebenen Tötungsmaschinerie ergänzte durch die anschauliche und emotionale Beschreibung konkret verübter Grausamkeiten. Historikern wie Hans Mommsen ging das zu weit, sie sprachen von einer Art historischer Pornographie. Den jüngeren Lesern aber mag sich der Verdacht aufgedrängt haben, dass ihnen auch die Aufklärer Teile der Wahrheit vorenthalten hatten.

In beiden Fällen waren es subjektive, affirmative und emotionalisierte Darstellungen, die den Bedürfnissen des jüngeren Publikums entgegenkamen und offenbar die Einfühlung in die Opferperspektive erleichterten. In beiden Fällen gab es freilich auch kaum mehr etwas, was einen jüngeren Deutschen von heute noch mit jenen Tätern zu verbinden schien. Goldhagen, auf seiner Deutschland-Tournee, wurde nicht müde, zu betonen: Die, über die wir hier reden, das seid nicht mehr ihr.

3.

Die Erinnerung an die NS-Zeit, sie wird wohl auch in Deutschland in der Zukunft leichter werden, aber auch schwerer. Leichter, weil die sichtbaren Folgen der NS-Zeit geringer werden, weil niemand mehr persönlich etwas zu verantworten oder zu verbergen hat. Schwerer aber, weil sich die Erinnerung, was sie immer getan hat, aufspaltet, um verschiedenen Bedürfnissen zu dienen, es aber künftig die eine Autorität nicht mehr geben wird, die gegenüber den verschiedenen Repräsentationen der Vergangenheit ein Veto-Recht besaß. Mit Imre Kertész ist gerade ein Zeuge des Holocaust ausgezeichnet worden, der Auschwitz noch im Kindesalter erlebt hat.

Was kann die Metapher vom "Parlament der Erinnerung" in diesem Zusammenhang leisten, wo liegen ihre Grenzen?

Ich möchte abschließend auf einige Punkte hinweisen:

(1) Parlamente sind für uns Foren öffentlicher demokratischer Kommunikation. Sie sollten - idealiter gesprochen - Formen der Auseinandersetzung erlauben, die in ein offenes Nachdenken aller Beteiligten münden können, ein Prozeß, der durch Beschweigen der Tatsachen, erfahrungsgemäß aber auch durch heftige Anklage, sei sie moralisch auch noch so begründet, blockiert wird. Für den Umgang mit der NS-Vergangenheit in Deutschland gilt dies alles um so mehr, als Parlamente eine Eigenschaft haben, die hierzulande lange Zeit eher als Problem denn als Chance wahrgenommen wurde: Das, was einmal für richtig gehalten wurde, kann später, wenn Umstände oder Einsichten sich ändern, anders beurteilt werden und bleibt doch bindend. Parlamente, wenn sie funktionieren, machen Gesellschaften lernfähig.

(2) Jeder weiß freilich, dass reale Parlamente diesem Ideal im Grunde nie entsprechen. Im Parlament wird - schon aus praktischen Gründen - selten nach der ethisch besten Lösung aus konkurrierenden Entwürfen gesucht. Aber es liegt auch in der Sache selbst: Das Parlament ist eben weder Seminar noch Talkshow. Es ermöglicht die Präsentation verschiedener Auffassungen, aber es trifft auch Entscheidungen. Und entscheiden tut, wie gut begründet auch immer, die Mehrheit. Hier scheint mir das Bild vom "Parlament der Erinnerung" auf eine schiefe Bahn zu geraten. Die Generation, die das Grundgesetz formulierte, hatte ausreichende Erfahrung mit den Gefahren des uneingeschränkten Mehrheitswillen und legte diesem infolgedessen ungewöhnlich enge Zügel an. Und es zeigt sich auch mit Blick auf den bisherigen Umgang mit der NS-Vergangenheit in Deutschland auf deutlichste: Dies sind keine Fragen, in denen es um Kompromissfindung geht, noch gar des sogenannten "gesunden" Volksempfindens. Beim Nachfolgestaat des "Dritten Reiches" handelte es sich vielmehr um einen kollektiven Lernprozeß: weg von einem trotzigen nationalintegrativen Gedächtnis hin zu der weithin akzeptierten Einsicht, dass hier, von wo die Verbrechen ausgingen, individuelle oder familiäre Trauer um eigene Verluste unterscheidbar sein muß von den Gedenkritualen der Gesellschaft als kollektiver geschichtlicher Einheit.

(3) Wenn dem so ist, stellt sich die Frage, wie für die inzwischen überwiegende Mehrheit der nichtbelasteten Deutschen dem offenbar häufig anzutreffenden Gefühl begegnet werden kann, die Erinnerung an das "Dritte Reich" erstarre in Routine und Ritualen, die sie im Grunde nichts angingen. - Nun: Parlamentsmitglieder haben nicht nur die Möglichkeit, zu lernen, sie setzen auch Normen. Sie sind dabei in unserem Parlament zwar nur ihrem Gewissen verpflichtet, doch üben sie ihr Mandat nicht als Privatpersonen aus. Wenn sie sich äußern, tun sie dies in Hinblick auf eine Öffentlichkeit, die sich zugleich mitgestalten. Sie sind in ihren Äußerungen - auch moralisch - gebunden. In Hinblick auf den Umgang mit der NS-Vergangenheit in unserem Gemeinwesen scheint damit die künftig vielleicht größte Herausforderung angesprochen: Privates Erleben, Empfinden und Meinen, die Erinnerungen der eigenen Gruppe anzubinden an eine in Deutschland praktizierte Erinnerung, die die Erinnerung aller ethisch empfindenden Menschen an das "Dritte Reich" sein können muß.

Erlauben Sie mir in diesem Zusammenhang abschließend von einem persönlichen Erlebnis zu berichten:

1992 nahm ich an einer Studienfahrt nach Israel teil. Alles Studenten der Theologie und Maschinenbauer, die meisten so in meinem Alter, Jahrgang 1969. An einem Tag der Reise stand ein Besuch in Yad Vashem auf dem Programm, der zentralen Holocaust-Gedenkstätte Israels. Am Abend davor saßen wir in unserem Hospiz in Jerusalem mit unserem Fahrtleiter zusammen, einem Professor, der schon oft solche Studienfahrten nach Israel organisiert hatte und damals so um die fünfzig gewesen sein muß. Der erklärte uns nun an jenem Abend, dass er schon mal den Kranz besorgt hätte, den wir am nächsten Tag in Yad Vashem als Gruppe aus Deutschland niederlegen würden. Ich erinnere mich noch sehr gut: Wir, die Jüngeren, waren damals nicht wenig irritiert. Niemand von uns hätte je daran gedacht, nicht nach Yad Vaschem zu fahren; wir alle fanden es nötig und richtig, sich mit dem Holocaust auseinanderzusetzen. Aber auch keiner von uns hatte das Gefühl, dass so eine Geste, im Namen des Landes, aus dem wir kamen und uns mit großer Selbstverständlichkeit auferlegt, etwas sei, mit dem wir uns in irgendeiner Weise identifizieren könnten. Wir hatten überhaupt nicht das Gefühl, für etwas anderes verantwortlich sein zu können, als die Art und Weise, wie wir uns persönlich mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzten. Unsere Reaktionen wiederum irritierten den Professor. Der konnte sich gar nicht vorstellen, dass eine Gruppe von Deutschen an diesen Ort fahren konnte, ohne ein sichtbares Zeichen zu setzen, dass man in Deutschland einiges begriffen hatte. Ich glaube, er schämte sich für uns und hatte außerdem das Gefühl, jahrelange Aufklärungsarbeit bräche nun wie ein Kartenhaus zusammen.

Natürlich irrte er sich, sonst stünde ich ja heute auch gar nicht hier. Ich weiß auch nicht, wie ich jetzt reagieren würde auf eine solche quasioffiziöse Symbolisierungszumutung. Aber ich sehe heute die - im Grunde narzistische - Beschränktheit unserer, meiner damaligen Perspektive sehr deutlich. Ich glaube nun zu sehen, dass ich mir damals nicht die Möglichkeit zu mehr Freiheit einräumte, sondern im Gegenteil: auf einen souveränen Umgang mit der NS-Vergangenheit, sofern so etwas möglich ist, verzichtete. Ich weiß aber auch, dass mein damaliger Impuls sehr stark war und gar nicht untypisch.

Hannah Arendt vertrat stets den Standpunkt, dass es ausschließlich der politische Prozeß des öffentlichen sich Äußerns selbst ist, der im Einzelnen das Gefühl erzeugt, Verantwortung über sich selbst hinaus tragen zu können. In diesem Sinne vor allem erscheint mir die Idee dieses "Parlamentes der Erinnerung" sinnvoll. Es könnte, wenn es gut läuft, bei älteren wie jüngeren Teilnehmern das Gefühl stärken, dass es nicht ausreicht, wie Martin Walser uns weismachen will, für sich selbst eine richtige Form der Erinnerung zu finden.

***

Ich komme zum Schluß vom Schluß:

So unverzichtbar es für eine souveräne Form der Erinnerung ist, dass jeder Deutsche seine eigene Position im komplexen und dynamischen Feld der Auseinandersetzung mit der Erinnerung selbstbewusst verorten kann, so wenig darf dahinter freilich das verschwinden, woran eigentlich erinnert wird. Gerade eine demokratische Erinnerungs- und Gesprächskultur sollte nicht dazu dienen, darüber hinwegzutäuschen, dass Auschwitz die Negation von Kultur und auch von sinn- und identitätsstiftender Erinnerung war. Es kann bei aller Offenheit des Diskurses deshalb auch künftig nicht anders sein, als dass die Verbrechen und die Opfer der NS-Zeit im Zentrum kollektiver deutscher Erinnerung stehen und dort jenen Stachel bilden, ohne den auch diese Veranstaltung hier nichts als ein Versuch wäre, der eigenen Vergangenheit endlich zu entkommen.